Silberblick und blanke Waden

Irene Böhme erzählt in ihrem erstaunlichen Debüt Geschichten aus Deutschland

Im Frühjahr 1957 setzte sich das ältliche Fräulein Gerda, sonst die aschfarbene Bedürfnislosigkeit in Person, eine "Reformküche" in den Kopf, Anbaumöbel, "glatte Türen, kein Glas", wie sie in Schlag nach - Die Frau abgebildet sind. Bis in die Hauptstadt der DDR zu den Deutschen Werkstätten fährt sie dafür, lässt sich auf Wartelisten setzen, erhält eine vage Zusage fürs vierte Quartal. Mit dieser Hoffnung im Herzen reiht sie sich endgültig ein in die "Arbeitereinheitsfront" der Chemiefabrik, verschwindet, gut 100 Seiten vor Schluss, aus einem Roman, in den es sie während der Nazizeit als 18-jähriges Pflichtjahrmädchen verschlagen hat und der nie der ihre war. Eine Nebenfigur mit der Aufgabe, jemand zu sein, den man immer sofort wieder vergisst.

Auch hier, in dieser Rezension, wäre kein Platz für Fräulein Gerda gewesen, hätte sie nicht mit der "Reformküche" ein Stichwort in ihn hineingebracht, an das sich Vorstellungen von Sachlichkeit und Effizienz, von Licht und Luft und klarer Linie knüpfen und das mir zum Schlüssel für seine besonderen Qualitäten geworden ist: zum Schlüssel für die nuancierte Schlichtheit und helle Vernunft, die das Erzähldebüt der 1933 geborenen Journalistin Irene Böhme zu einem bemerkenswerten, ja erstaunlichen machen.

Nur zwei Jahre älter als diese ist Gisela, genannt Gil, die "Buchhändlerin" im Roman. Eine intelligente Vaterstochter von unbekümmertem Stolz, mit rotem Haarschopf und einem jener kleinen Defekte, die der Schönheit alles andere als Abbruch tun: "Silberblick und schlanke Waden, / Mit dir möchte ich mal baden", rufen die Gassenjungen hinter ihr her, weil sie das tatsächlich gern täten. Gils Bildungserlebnis wird München, wo sie Buchhändlerin lernt, wird die Boheme in den zwanziger Jahren. Spät, mit Ende 30, heiratet sie einen lebenslustigen Unternehmersohn, der sich als Filou entpuppt. Unter Hitler riskiert sie einiges, und mit dem unpolitischen Anstand jener dünn gesäten liberalen Kulturschicht, deren Vertreibung im Ostteil Deutschlands dann gar nicht mehr aufhörte. Im Krieg kommt neben dem Fräulein Gerda vorübergehend eine fröhliche und patente Kölnerin ins Haus, sie wird später zur Briefpartnerin und Lebensfreundin.

Geschichten über Geschichten: von Liebe, Lust und Ausgelassenheit, Untreue und Frauenfreundschaft - und auch solche von der Judenverfolgung in einer deutschen Kleinstadt und den Wirren des Übergangs nach dem Sieg der Alliierten, bis zu dem Ende, dass die Hakenkreuzfahnen von jetzt auf gleich in rote umgeschneidert werden.

Sie alle werden erzählt in einer Rückblende, die episch erscheint, wie der Roman eines Lebens, und doch kaum mehr als 50 Seiten umfasst. Denn eigentlich liegt die Zeit dieses Buchs zwischen dem Einzug der Sowjets und Gils Kapitulation vor den Repressalien des Ulbricht-Staates, jenem Tag im Jahre zwei nach dem Mauerbau, an dem sie sich aufmacht gen Westen, zu Sohn und Enkel, und dann im Wagen des Fluchthelfers stirbt, vor Aufregung vielleicht, aber eher, weil ihr einfach das Herz bricht; die Zeit dieses Buchs sind die Jahre, in denen Sigrid, die junge Frau, deren berufliche Laufbahn mit einer Lehre bei Gil beginnt, zwischen etwa 16 und Anfang 30 ist.

Auch diese also arbeitet als Buchhändlerin, bevor sie aufsteigt in Partei und staatlicher Kulturbürokratie, und man darf davon ausgehen, dass sie mitgemeint ist im Titel des Romans, dass die Autorin in dem couragierten, ehrgeizigen und hinter beinharter Freundlichkeit verschanzten Mädchen eine jüngere Schwester Gils erkennt, selbst wenn die aufstrebende Ideologin dem "alten Schrapnell" von Chefin mit schmerzlich instinktloser und unverbrüchlicher Abneigung gegenübersteht.

Sigrid, die, anders als Gil, ohne die Erfahrung einer fördernden Liebe aufwachsen musste, ist unsicher, empfindlich, ehrgeizig. Gemeinschaft bedeutet ihr alles seit BDM-Zeiten, aber möglicherweise ist es auch der Genuss, sich unter vielen hervorzutun, die eigene Einsamkeit im Kollektiv heimatlich unterzubringen. Manchmal, etwa wenn sie vor Schaufenstern in West-Berlin steht, glaubt die junge FDJ-Aktivistin jemand zu sein, der für Geld alles täte. Ein Irrtum, denn den Marxismus-Leninismus, dem gläubig nachzufolgen sie beschlossen hat, würde sie so schnell nicht preisgeben - oder höchstens für Karl, einen charmanten Macho und "Bourgeois", der sich über "unsere kleine Friedenstaube" lustig macht und sie dennoch zu lieben scheint, wenn auch aus Gründen, die mehr mit ihrem Eigensinn als mit ihrer ideologischen Ausstattung zu tun haben. Doch dann kommt ohnehin alles anders: Heirat mit einem eifrigen Parteischüler, Kind, Scheidung, Verdienstorden.

Menschen also wie Gil. Schleichend wird ihr die Existenzgrundlage entzogen - ihr Buchhandel Schritt für Schritt, ihr Haus im Rahmen der "Wohnraumlenkung" beinah mit einem Schlag. Nichts kann sie tun, als ein junger Freund, angeblich "Kurier einer parteifeindlichen Gruppierung", im Zuchthaus verschwindet und unter ungeklärten Umständen stirbt, zusehen muss sie, wie das Städtchen leer wird und grauer und stumm. Auch hier und wiederum: Geschichten über Geschichten. Eine handelt von Mord aus Eifersucht, eine andere von später Liebe und also vom Glück, eine weitere davon, daß Gil ein junges Mädchen aus christlichem Elternhaus in seiner Entscheidung für die Jugendweihe unterstützt, und zwar einfach, weil sich darin Wille und Mut zur eigenen Erfahrung ausdrücken. Und wenn, gleichsam im Gegenzug, Sigrid sich weigert, die "Stalin-Mappe" aus dem Schaufenster der "Volksbuchhandlung" zu entfernen, als am 17. Juni 1953 ein schlapper Ausläufer des Arbeiteraufstands im Ort anlandet und die Funktionäre zu lavieren beginnen, da mag sie verblendet sein - aber sie zeigt Charakter. Das ist's, worin beide Frauen sich gleichen. Einmal freilich verlässt Sigrid der Mut, Anfang der sechziger Jahre, als sie gerade mal 30 ist und noch lange nicht weit genug, um die Bestätigung im Kollektiv entbehren zu können. Aber davon zum Schluss.

Zuvor ist noch zu reden von der nuancierten Schlichtheit und der hellen Vernunft: Die Autorin vertraut ganz der Intelligenz des Lesers, darauf, dass er den ersten Stein nicht wirft. Sie schreibt in der dritten Person und denkt aus ihren Figuren heraus - meistens hört sich das so an: "Der Dampfer tuckert eifrig. Sigrid bestieg ihn freiwillig. Nun sitzt sie am Heck. Aussteigen kann sie nicht. Sie muß abwarten, wo sie anlandet." Ein bisschen kann man an Horváth oder die Fleißer denken, und die Literaturwissenschaft spricht von einer Variante des Personalstils. Wichtig ist aber nur: Wahrheiten über das hinaus, was die Figuren wissen, glauben, fühlen, erleiden, gibt es nicht. Die Spannung zwischen Gils kultivierter Verachtung und Sigrids gläubigem Aufbruch muss ausgehalten werden, die Gleichzeitigkeit von besserem Deutschland und Fortsetzung des Faschismus mit anderen Mitteln, von Zwangskollektivierung und Nischenvielfalt, Gewöhnung, langsamem Ersticken, Glück.

Zum Schluss: Eines Tages lernt Sigrid einen alten Maler kennen, unter den Nazis verfolgt, in der DDR bürgerlicher Dekadenz bezichtigt, und erreicht beinahe, dass ein großes Gemälde von ihm in der Eingangshalle des Kulturpalastes aufgehängt wird. Als die Parteigenossen von der SED geschlossen dagegen stimmen, kriecht sie zu Kreuze. Man hat den Eindruck, dass sie sich das nicht verzeiht, dass hier ein langsamer Abschied beginnt, auch wenn sie vielleicht sogar noch ihr Traumfach Journalistik studiert, wenn es noch lange dauert, bis sie mutig den Absprung wagt vom Dampfer DDR. 1980 könnte das gewesen sein, vielleicht unter dem Namen Irene Böhme, aber das ist eigentlich so egal wie der Name des Städtchens, in dem alle diese Geschichten sich zugetragen haben.

Irene Böhme:

Die Buchhändlerin

Roman; Rowohlt Verlag, Berlin 1999;

384 S., 39,80 DM

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  • Von Nentwich
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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