Offen, frei und gratis
Die Open-Source-Bewegung könnte die gesamte Softwarebranche umkrempeln
Apple-Chef Steve Jobs ist immer für eine Überraschung gut. So auch jüngst auf einer Pressekonferenz, zu der er ins schicke Hauptquartier seines Unternehmens eingeladen hatte. Apple, verkündete er vor drei Dutzend verblüfften Journalisten, werde das Geheimrezept seines neuen Profi-Betriebssystems Mac OS X Server veröffentlichen, den sogenannten Quellcode.
Was die Entscheidung so erstaunlich macht: Wie kein anderes Unternehmen hat Apple bisher seine Softwarerezepte gehütet, sie nicht einmal an andere Firmen lizenziert - und vor allem deswegen den Kampf gegen Microsoft verloren. Jetzt soll jeder den Quellcode des neuen Programms herunterladen dürfen, um ihn zu studieren oder eigene Versionen zu schreiben.
Sogar Microsoft ließ kürzlich offiziell verlauten, dass es mit der Idee spielt, zumindest einen Teil des Quellcodes seines Betriebssystems Windows 2000 preiszugeben. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass die Firma von Bill Gates den Schritt tatsächlich auch macht. Aber das laute Nachdenken darüber zeigt, dass Open Source bereits einen festen Platz in der Softwareindustrie hat. Die Branche könnte dadurch völlig umgekrempelt werden.
Manche Experten erwarten bereits, dass ihre Infrastruktur wie Betriebssysteme oder Netzprogramme - ähnlich wie Straßennetze - zu einem öffentlichen Gut werden könnte. Geld machen Softwareunternehmen dann vor allem mit Dienstleistungen im weitesten Sinne: mit Installationen und Schulungen, aber auch grafischen Benutzeroberflächen und Spezialprogrammen.
Auch in Deutschland wird Open Source immer mehr zum Thema. Diese Woche findet in Berlin die Konferenz Wizards of OS statt - die erste Veranstaltung in der Bundesrepublik über die Kultur, Politik und Ökonomie der freien Software. Landesregierungen geraten bereits unter Druck, nicht immer gemeinsame Sache mit Microsoft zu machen, sondern auf Open-Source-Programme zu setzen.
Brandan Eick hört das gerne. Schließlich ist der Programmierer einer der Köpfe des Mozilla-Projekts von Netscape. Vor einem Jahr hatte die kalifornische Softwareschmiede, die kürzlich vom Online-Dienst AOL übernommen wurde, den Quellcode ihres Internet-Browsers Navigator veröffentlicht - und damit für andere Unternehmen ein Beispiel gesetzt.
Nach einigen Anlaufschwierigkeiten hat sich eine kleine, aber feine Hackergemeinde um das Projekt geschart. Neben hundert Netscape-Mitarbeitern beteiligen sich weltweit dreißig freiwillige Programmierer an Mozilla. Regelmäßig überspielen sie ihre Verbesserungen, sogenannte patches, in Computer in Netscapes Hauptquartier im Silicon Valley, die den Browser ständig neu zusammenbauen und testen.
- Datum 15.07.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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