Ich habe einen Traum
Marianne Faithfull
»Ich fliege langsam auf die Wesen zu. Sie haben mir ein wunderschönes Buch mitgebracht und sagen: Wir haben hier etwas, was wir dir zeigen wollen«
Marianne Faithfull (52) ist Songwriterin. Soeben hat sie ihre neue Platte »Vagabond Ways« herausgebracht. Ihre Solokarriere begann 1979. Zuvor war sie in der Öffentlichkeit vor allem als Geliebte von Mick Jagger bekannt.
Heute bin ich 52 und brauche keine Exzesse mehr. Manchmal rauche ich einen Joint, trinke ein Glas Wein, das war's. Ich habe eine Menge meiner Träume vergessen, aber die, die wichtig für mein Leben sind, habe ich im Gedächtnis behalten. Mein Traumleben ist sehr intensiv, ich habe sehr starke, lebendige Träume, die eng mit meinem Leben verbunden sind. Für mich sind sie nur eine andere Dimension meiner Realität - etwas, das zur gleichen Zeit an einem anderen Ort stattfindet.
Vor ungefähr zwölf Jahren hatte ich einen Traum, der mir vielleicht das Leben gerettet hat. Das war, als ich anfing, clean zu werden, als ich nach all den Drogenexzessen vom Heroin runterkam. Damals hatte ich fürchterliche Angst, war total verunsichert. Ich hatte immer schon Angst gehabt, nicht mehr in der Lage zu sein, ein Lied zu schreiben. Es war meine größte Furcht, in dieser Welt aus Genie, Sex und Hipness nicht bestehen zu können. Doch nach dem Entzug war es besonders schlimm. Ich wusste nicht, ob ich je wieder etwas zustande bringen würde. Eigentlich sind solche Angstzustände ziemlich normal, wenn du mit Alkohol und Drogen aufhörst. Trotzdem hat mich das damals sehr erschreckt.
Dann hatte ich diesen Traum, den ich auch heute noch häufig träume. Da sind diese Wesen, ich weiß nicht, was sie sind, irgendwie erinnern sie mich an Engel. Sie wirken weise und strahlen Größe aus, wunderbare Geschöpfe. Sie sind in einem Garten, der aussieht wie ein Gemälde von Raffael, einem sehr geschmackvollen Ort, aber unwirklich. Meine Träume sind räumlich sehr verschieden von der Realität - sie sehen aus, als spielten sie nicht in dieser Welt. Eher wie im Inneren eines Gemäldes. Räume haben darin völlig andere Dimensionen, und die Farben sind anders.
Ich fliege langsam auf die Wesen zu. In meinen Träumen fliege ich meistens, spüre den Wind an mir vorüberrauschen. Ich sehe die Dinge näher kommen, immer schneller. Alles verändert sich, die Dimension, die Sichtweise. Alles sieht völlig anders aus - es ist das komplette Gegenteil von dem, was wir normalerweise empfinden. Wir sind viel freier in unseren Träumen.
Diese Wesen haben ein Buch mitgebracht. Ein wunderschönes Buch, mit prachtvollem Einband und geschwungener Schrift. Sie sagen zu mir: »Wir haben hier etwas, was wir dir zeigen wollen.« Das Buch ist so unfassbar schön, ich kann es nicht beschreiben. Ich schlage es auf und erkenne, dass darin all jene Songs aufgeschrieben sind, die ich noch nicht geschrieben habe und noch schreiben werde in meinem Leben. Dann verschwinden die Wesen.
- Datum 15.07.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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