Walter Hinck: Im Wechsel der Zeiten. Leben und Literatur

Bouvier Verlag, Bonn 1998

268 S., 39,80 DM

Die Autobiografie eines Germanistikprofessors, und sei er so renommiert wie Walter Hinck, dürfte nicht jedes Lesers Sache sein. Doch die Karriere des Universitätsgelehrten bildet nur den letzten Teil dieser Lebensbeschreibung.

In ihrem Brennpunkt steht, nach der atmosphärisch dichten Schilderung einer Berliner Jugend und der Kriegsjahre in Frankreich und Russland, die Hölle der Kriegsgefangenschaft in Jugoslawien. Die Erzählung und Analyse ihrer Grenzsituationen ist ein Meisterstück, gipfelnd in der packenden Darstellung einer moralischen Bewährungsprobe, die ihn fast sein Leben kostet. Die Entlassung ist schon greifbar nahe, da verlangt man von ihm, sich die Freiheit durch Geheimdiensttätigkeit zu erkaufen. Er weigert sich. Die Folge: ein Scheinprozess, in dem er sich zu scheußlichen Verbrechen bekennen muss, und die Verurteilung zu 15 Jahren Zwangsarbeit. Hätte er sich anders entschieden, wer würde es wagen, über ihn den Stab zu brechen. Doch er blieb entschlossen, sich nicht korrumpieren zu lassen. Das alles erzählt er, ohne sich zum Helden zu stilisieren, mit dem ihm eigenen Understatement. Als er schließlich begnadigt wird, sein Studium in Göttingen beginnen kann, haben sich seine Altersgenossen längst etabliert.

Obwohl die Nachzeichnung der erfolgreichen Wende eines fast zum Scheitern verurteilten Lebens nicht mehr dieselbe Faszination besitzt wie das Drama der Gefangenschaft, gelingen Hinck immer wieder erzählerische Kabinettstücke, etwa die Schilderung der Theaterarbeit Bert Brechts oder die köstliche Beschreibung seiner Statistenrolle in dem Curd-Jürgens-Film Ohne dich wird es Nacht. Literatur ist für Walter Hinck nie eine abgehobene Welt, die Beschäftigung mit ihr immer unmittelbares Erzeugnis seines Lebens gewesen.

Das erklärt das Charisma dieses Gelehrten, dem man den Namen einer Figur aus Goethes Epos Die Geheimnisse geben möchte: Unter den deutschen Germanisten ist er wahrhaft der Bruder "Humanus".