Die Verweigerung der Katastrophe

Der Romancier als DJ. Oder umgekehrt?

Der Vorteil, dass ich kein Deutschlehrer bin, liegt für mich in erster Linie darin, dass ich fast jedes Mal, wenn ich Schulaufsätze lese, schwer gerührt bin von dieser wunderbaren Mischung aus Selbstbewusstsein, Hilflosigkeit und kleiner, magischer Welt. Was da die Sieben-, Zehn- oder Siebzehnjährigen schreiben, kann uns in seinem Bemühen um Kunstfertigkeit geradezu das Herz brechen. Da sieht man noch, dass Inhalt und Form, meine Herren Professoren, eben doch nicht dasselbe sind.

Als Deutschlehrer hätte ich das Buch, um das es hier geht, wohl anders gelesen, vielleicht genervt, vielleicht schwerer zu enthusiasmieren.

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Tatsächlich simuliert es ein ganz simples Erzählen: Etwas geschieht, und noch etwas, und noch etwas. Anders gesagt: und dann, und dann, und dann. Oder: undundund. Und das mit Sätzen, die so aussehen können: "Ein tiefer Zweifel, ob er jemals werde glücklich sein können, befiel Arnd, und er mußte sich erst einmal aufs Bett legen, wo er bald einschlief." Na?

Thorsten Krämer ist natürlich mit manchen Wassern gewaschen und vor allem anschließend mit etlichen Ölen geölt. Jawohl, die Kapitel dieses Buches sehen aus, als verführen sie nach dem Muster: Als ich einmal in den Zoo ging. Oder: Als ich einmal die Tokyoter U-Bahn besteigen wollte. Dabei zeigt sich aber, dass diese Methode vor allem vorzüglich dazu geeignet ist, mit einer Art von Blauäugigkeit so zu berichten, dass nicht etwa jederzeit das freundliche Dahererzählen in die Katastrophe umschlagen kann, sondern vielmehr so, dass man immer wieder das Lauern der Katastrophe spürt, auf geradezu hinterhältige Weise dann aber nichts passiert.

Also: wir haben hier zwanzig im Prinzip selbstständige Geschichten, deren Thema er oder sie und zumeist er und sie ist, die selten dramatisch werden und nie etwas erzählen, was uns vollkommen neu wäre. Sogenanntes Leben wird hier so vorgeführt, als sei es allein deswegen echt - oder wie man heute gern sagt: authentisch -, weil wir uns sofort darin auskennen. Nahezu alles, was wir hier lesen, ist uns bekannt, und doch werden wir das Gefühl nicht los, dass wir da Geschichten von Zombies lesen, Zombies wie wir. Das Leben ein Fotoroman.

Anfangen tut das Ganze, wie's sich gehört, mit der ersten Geschichte, und da wird uns berichtet, wie es dazu kommt, dass am Ende (das dann gar nicht das Ende ist) jemand für jemanden eine Kassette zusammenstellen will von neuer Musik aus Japan, japanischer Popmusik. Japanischer, jawohl. Da kennen Sie sich nicht aus? Ich auch nicht, und dass jedem der zwanzig Kapitel als Überschrift der Name einer japanischen Band und ein Songtitel vorangestellt ist, bringt einen da so wenig weiter wie die nachgestellte Diskografie.

(Übrigens fängt es überhaupt nicht mit der ersten Geschichte an, sondern mit einem Karl-May-Zitat

und in Wahrheit auch damit nicht, denn davor steht das eindrucksvolle Inhaltsverzeichnis und davor die biografisch auch recht eindrucksvolle Widmung "Im Andenken an meinen Schwiegervater Kai Yeh 1930-1999".

Wir verstehen jedenfalls mit fortschreitender Lektüre, dass uns suggeriert wird, dass wir mit diesem Buch gleichsam und in Buchstaben die Tonkassette hätten, die da am Beginn versprochen wird und die dann - und auch das verfehlt seinen Eindruck nicht - in einem viel späteren Kapitel von einem wirklichen, weil wirklich japanischen Kenner für ganz und gar lächerlich erklärt wird. Das bleibt nicht die einzige spätere Anknüpfung an vorher Erzähltes, und so soll denn gleich gesagt werden, was Thorsten Krämer nun wohl in jeder Besprechung seines Buches wird lesen müssen, dass nämlich das kompositorische Prinzip seines Buches jedem, der Ingo Schulzes Simple Stories gelesen hat (in denen das ja auch nicht erstmals, aber mit viel Beifall praktiziert wurde), bekannt vorkommen muss, und da ist ja nun auch was dran.

Hier kommt aber noch etwas Eigenes hinzu, über das sich auf schöne Weise ergebnislos sinnieren lässt: Krämer berichtet an einer Stelle von den sogenannten Konzeptalben aus der LP-Zeit, die die Tatsache, dass sie zwei Seiten hatten, ebenso nutzten wie den Umstand, dass man beim Hören nur mit Mühe die Reihenfolge der Stücke ändern konnte. Was heißt das wohl für die Struktur des kapitelweise erzählten Romans? Für die Literatur überhaupt? Das Leben womöglich?

Spätestens jetzt, nehme ich mal an, würden Sie vielleicht ganz gern die eine oder andere Geschichte erzählt bekommen, um zu wissen, worum's hier eigentlich geht. Leider -. Das Problem ist nämlich, dass man diese Geschichten nicht nacherzählen kann. Zum einen, weil sie selbst schon wie eine Art Nacherzählung geschrieben sind, zum andern aber, weil man merken würde, dass man dauernd versucht ist, das, was diese Geschichten zu ihrem großen Vorteil selbst vermeiden, geradezu zwanghaft nachzuholen: erklären, psychologisieren beziehungsweise, um das in seiner Abscheulichkeit hier einzig richtige Wort zu gebrauchen: hinterfragen. Nein, Krämer hinterfragt nicht. Danke.

Niedlicherweise beginnen die Kapitel allerdings selber gern mit einem allgemeinen Weltbeschreibungsstatement, nach dem Muster: Im Grunde kann niemand genau sagen, wann er einen anderen zum ersten Mal gesehen hat. Alle die verklärten Erinnerungen an die erste Begegnung zweier Liebender, wie sicher kann man sein, dass sie tatsächlich das erste Treffen zum Gegenstand haben, und nicht das zweite oder dritte? ... Zum Gegenstand also, entweder Sie finden so was komisch oder Sie finden es blöd. Für beides gibt's hier gute Gründe - an der besonderen Qualität dieses Buches ändert das nichts (wohl aber naturgemäß an dem Vergnügen der hiermit empfohlenen Lektüre). Vielleicht sieht das Ganze am Ende für Sie aus, als hätte Ralph Siegel seinen ersten Roman geschrieben, aber vielleicht denken Sie auch an den frühen Fassbinder.

Oder an Ihre eigenen Schulaufsätze. Oder an das, was Sie damals eigentlich sagen wollten.

Bei fremdsprachiger Literatur wird ja spätestens jetzt, ganz zu Recht, der Übersetzerin, des Übersetzers gedacht. Da es die hier ja nun nicht gibt, wir den Platz aber nicht gern ungenutzt lassen wollen, sollten wir dem Autor ein Kompliment mache

nicht nur für die Übertragungen aus dem Japanischen, dem Musikalischen, dem Lebenskundlichen, sondern auch - okay, das genügt. Der zweite Roman dieses Autors wird dann sicher ganz anders aussehen, Sie sollten also diesen Roman nicht versäumen.

Und schließlich (oder haben wir das schon gesagt?): Was für ein Titel!

Thorsten Krämer Neue Musik aus Japan

Roman

Verlag Kiepenheuer & Witsch

Köln 1999

176 S.,18,90 DM

 
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