Der Schriftsteller Berthold Auerbach, anfangs mit Richard Wagner befreundet, durch dessen Antisemitismus schließlich verletzt, verzichtete gleichwohl auf die offene Auseinandersetzung mit ihm, weil er den Eindruck vermeiden wollte, "immer alles unter dem Gesichtspunkte eines Verhältnisses zu uns Juden zu markieren". Paul Lawrence Rose macht es in seiner Streitschrift gerade umgekehrt. Er lässt nichts aus, um Wagners gesamtes Werk, Wort wie Noten, als Ausfluss seines Antisemitismus darzustellen. Selbst da, wo es nur hohl tönt, steht es für den Autor fest: "Man muß sich immer die Doppelbödigkeit des Wagnerschen (und im Grunde des deutschen Denkens) vor Augen halten."

Wagners schmutzige Gesinnung, nämlich den Antisemitismus, bei sauberen Händen erkennt er schon bei Wagners Vorläufern im Geiste: Luther, Kant, Fichte et cetera. Und im Jungen Deutschland und bei den Junghegelianern. Und in Wagners zeitweiligem Idol Ludwig Feuerbach. Und bei seinem anfänglichen Weggefährten Nietzsche. Und gar in seinem großen Vordenker Schopenhauer. Und bei Hitler, dem Wagner zum großen Vorbild wurde, blieben dann auch bekanntlich die Hände nicht mehr sauber. Weswegen der Autor in einem von mehreren Nachträgen dafür plädiert, auch künftig Richard Wagners Werke in Israel nicht aufzuführen.

Denn das, "was wir über Wagners Persönlichkeitsstruktur wissen, berechtigt zu der Annahme, daß er ein ebenso williger Gefolgsmann Hitlers geworden wäre, wie es seine Schwiegertochter werden sollte".

Alles ordnet der Autor einem Wagner-fixierten Vansittartismus unter. Darunter leidet die notwendige, weil noch längst nicht beendete Auseinandersetzung mit der ideengeschichtlichen Bedeutung Wagners, zumal für die Entwicklung vom biologistischen und ideologischen zum eliminatorischen Antisemitismus. Es ist ja wahr, manches spricht dafür, dass sich in den Musikdramen des notorischen Antisemiten Wagner sein Judenhass in einzelnen Figuren ausdrückt. Adorno, Thomas Mann und andere, zuletzt Zelinsky, haben auf Alberich im Ring des Nibelungen und Beckmesser in den Meistersingern und Kundry im Parsifal hingewiesen und Indizien für ihr klandestines Judentum genannt. Aber vieles spricht auch dafür, dass der notorische Opportunist Wagner alles vermieden hat, seinen Judenhass auf der Bühne erkennbar zu personifizieren.

Rose freilich sieht Wagners Antisemitismus mehr oder weniger im gesamten Werk vorhanden, weniger im Frühwerk, mehr im Ring oder auch im Tristan, von den Meistersingern und dem Parsifal ganz abgesehen. Beweise kann er freilich nicht nennen. "Doch jede deutsche Kapitalismusallegorie, die im revolutionären Geist des 19. Jahrhunderts verfasst wurde, beinhaltet auch immer eine Verteufelung des Judentums", meint er. Denn: "Der antisemitische Subtext war dem zeitgenössischen Publikum geläufig, und es bestand keine Notwendigkeit, ihn eigens herauszustellen." Dass Juden zu den kenntnisreichsten Rezipienten des Wagnerschen Werks gehörten, ohne einen bösartigen Subtext wahrzunehmen, ist aber Tatsache.

Der Autor hat mit Fleiß und großem Bemühen zahlreiche bereits bekannte Zitate Wagners und seiner Zeitgenossen, zumal aus den Tagebüchern der Judenfresserin Cosima Wagner, in den Kontext seiner These gestellt, dass Richard Wagner als Revolutionär wie als Monarchist, als Musiker wie als Dichter, als Vegetarier oder Gegner der Vivisektion wie als Vielschreiber zu allem und jedem seit 1848 bis zu seinem Ende einer einzigen, seiner "neuen Ideologie des revolutionären Antisemitismus" verpflichtet war, die sich, unbeweisbar zwar, aber von Rose so empfunden, bis in die Noten des Trauermarschs in der Götterdämmerung evozierte.

Rose ist gar zu sehr fasziniert von seiner Entdeckung, dass der Ausgangspunkt von Wagners Antisemitismus, seine Schandschrift Das Judentum in der Musik, eigentlich nicht 1850 zu datieren ist, sondern dass diese bereits vor der Revolution entworfen wurde und ihr Inhalt seiner revolutionären Haltung das Fundament gab. Aber auch diese Entdeckung ist eher Vermutung als bewiesenes Faktum, wenngleich vorstellbar ist, dass Wagner sich von einer Kampfschrift Heinrich Laubes von 1847, die sich gleichfalls an Meyerbeer rieb, hat beeinflussen lassen. Roses auf eine These fixierte und eingerichtete Zitatensammlung: noch ein neues Buch über Wagner, doch ohne Neuigkeitsgehalt.