Nehru nannte sie die "neuen Tempel Indiens"; die amerikanischen Präsidenten Hoover und Roosevelt gaben ihnen ihre Namen. "Staudämme sind Machosymbole", sagt der Südafrikaner Kader Asmal. "Jeder Minister und Präsident wollte seinen Namen mit ihnen verbunden wissen." Kader Asmal, einst Wasserminister in Nelson Mandelas Regierung, ist Vorsitzender der World Commission on Dams, die ihren Sitz in Kapstadts Zentrum hat. Das internationale Gremium von Dammexperten will dem Machoinstinkt wirksame Grenzen setzen.

Staudämme sind Mammutprojekte. Sie kosten mehrere hundert Millionen Mark und verändern Landschaft und Klima ganzer Regionen. Oft müssen Tausende Menschen ihnen weichen. Da verwundert es nicht, dass alle der rund 1700 großen Dämme, die derzeit weltweit gebaut werden, umstritten sind. Bisher fehlen unabhängige Untersuchungen, die helfen, den Streit über Nutzen und Schaden der Dämme zu entscheiden. Deshalb entwickelt die World Commission on Dams (WCD) seit Mitte vergangenen Jahres gültige Leitlinien, nach denen sich zukünftige Projekte richten sollen. Erstmals in der Geschichte internationaler Kommissionen sitzen in der WCD Befürworter und Gegner der Staudämme gleichberechtigt zusammen: der Schwede Göran Lindahl, Chef von ABB, dem weltweit führenden Dammbauunternehmen, ebenso wie Mitarbeiter der "Erklärung von Bern", einer Gruppe, die seit mehr als 30 Jahren gegen Stauprojekte kämpft.

Bis zum Juli kommenden Jahres wollen die Experten anhand von acht Fallstudien in Europa, Amerika, Asien und Afrika die wirtschaftlichen und ökologischen Kosten der Großprojekte unter die Lupe nehmen. Die statistische Auswertung von mehr als 150 weiteren Dämmen soll das Bild ergänzen. Ein Thema hätte Peter Bosshard von der "Erklärung von Bern" gerne besonders gründlich aufgearbeitet: Fachleute nennen es die "Internalisierung externer Kosten". Bosshardt ist überzeugt, dass kein einziger Großdamm wirtschaftlich sinnvoll wäre, wenn alle Folgen des Baus für Umwelt und Menschen berücksichtigt würden. Zumindest einige Untersuchungen der WCD bestätigen die Vermutung. Beispiel Südafrika: Zwar konnten die Dämme, die den Oranje-Fluss stauen, bei der Stromerzeugung die Erwartungen übertreffen. Stromabwärts jedoch bewirkte das aufgestaute Wasser eine Mückenplage. In riesigen Schwärmen stürzten sich die Blutsauger auf die Herden am Unterlauf des Oranje und töteten Tausende von Rindern. Der wirtschaftliche Schaden für die Bauern war immens. Früher waren die Larven der Mücke gestorben, wenn der Fluss in der Trockenzeit über Wochen kaum noch Wasser führte - seit sich aber die Turbinen drehen, fließt das Nass zur Freude der Mücken gleichmäßig aufs ganze Jahr verteilt.

Konkrete Ratschläge, was mit den Staudämmen des Oranje-Flusses geschehen soll, wird sich die Kommission nicht erlauben. Ebenso wenig nimmt sie Stellung zu laufenden Bauvorhaben; ihr geht es um zukünftige Projekte. Das war Bedingung, Befürworter und Gegner an einen Tisch zu bringen. Konfliktarm ist die Arbeit der Experten dennoch nicht. Schon die erste regionale Anhörung musste verschoben werden, weil die indische Regierung die WCD kurzfristig ausgeladen hatte. Sie befürchtete eine Einmischung in den Streit um ein Großdammprojekt im indischen Bundesstaat Gujarat.

Und doch scheinen sich Gegner und Befürworter der Talsperren näher zu kommen. Statt starrer Konfrontation suchen beide Seiten nach gemeinsamen Kriterien für die Beurteilung von Dammprojekten, sagt Peter Bosshard. Auch Reinhold Loehberg, Vertriebsmanager bei der Siemens-Tochter KWU, einem der führenden Hersteller von Generatoren für Wasserkraftwerke, sagt, er sei mit der Arbeit der WCD zufrieden. Nüchternheit, Ehrlichkeit und Abbau von Misstrauen sind die Stichworte, die Loehberg einfallen, wenn er sich an das Treffen der Kommission erinnert. 100 000 Mark hat Siemens für die WCD springen lassen. Loehberg ist überzeugt, dass sich die Investition lohnen wird.

Für die Industrie kommen die Einigungsgespräche zum richtigen Zeitpunkt, meint Sanjev Khagram, Harvard-Professor für öffentliche Politik und einer der elf hauptamtlichen Mitarbeiter der Kommission. Denn die Weltbank zieht sich immer mehr aus der Finanzierung von Großdämmen zurück: Zu oft wurde die UN-Organisation für fehlgeleitete Milliarden kritisiert. Ohne Kredithilfe lassen sich private Investoren jedoch wegen der sehr langen Amortisationszeiten kaum gewinnen.

Viele Firmen setzen mittlerweile einen neuen Schwerpunkt: Sie verbessern bestehende Dämme. Sanjev Khagram sieht darin ein weit größeres Wirtschaftspotenzial als im Neubau: "Man fragt sich, warum das nicht früher erkannt wurde. Aber da hieß es immer: Warum eine alte Dame noch schminken?"