Film "Eyes Wide Shut" Unsägliche SchaulustSeite 3/3

Eyes Wide Shut beginnt mit einem Schlüssellochbild, einer Rückenansicht der nackten Nicole Kidman, drei Sekunden lang. Dann sind wir in einem Apartment am New Yorker Central Park. Dr. William Harford (Cruise) und seine Gattin Alice (Kidman) ziehen sich um zu einem Ball. "Wie sehe ich aus?" Sie sehen gut aus, die beiden Halbgötter des Kinos, und der Film sieht noch besser aus. Die Kamera, so beweglich wie nur je bei Kubrick, fährt in Brusthöhe vor den Figuren her, umkreist sie geschmeidig im Raum, und die Regie badet die Akteure in Licht, lässt die Augen in den Gesichtern leuchten und die Haut durch die Kleider schimmern. Auf der Party, die der mondäne Victor Ziegler (Sydney Pollack) für seine Freunde gibt, liegt eine nackte Frau, von einer Überdosis Drogen hingestreckt, in einem Sessel im Boudoir des Gastgebers, in beinahe derselben Pose wie die Gestalt auf dem Perserteppich an der Wand; und obwohl der Tod im Zimmer steht, sieht man nur die Schönheit des Arrangements, die Nuancen des Fleisches, die Eleganz des Mobiliars, die kühle Klarheit der Bewegungen. Kurz darauf stehen Bill und Alice zu Hause vor dem Spiegel, beim Vorspiel zur ehelichen Lust, und Chris Isaak singt " They did a bad bad thing " - aber das stimmt nicht, sie haben nichts Schlechtes getan und tun es auch später nicht.

Der Zusammenhang von Sexus und Schrecken, von dem die Traumnovelle handelt, bleibt in dieser wie in allen ähnlichen Szenen des Films bloße Behauptung. Man hört vom Teufel reden, aber man sieht ihn nicht. Schon immer lag bei Kubrick das Chaos in den Sujets im Widerstreit mit dem fanatischen Ordnungssinn der Inszenierung. In 2001 oder The Shining hat diese Spannung Früchte getragen: Schöner, perfekter wurde nie vom Zusammenbruch der Ordnung erzählt. Aber diese Filme spielten auf eng begrenzten, einheitlichen Schauplätzen. Eyes Wide Shut dagegen ist ein Stationendrama. Die Einheit des Films müsste aus den Figuren kommen statt aus dem Dekor. Und hier versagt die Kunst des Könners. Kubrick war nie ein Psychologe; in Eyes Wide Shut ist er es weniger denn je.

Nach dem Prolog folgt der Film beinahe sklavisch dem Schnitzlerschen Handlungsfaden. So sieht man alsbald Tom Cruise durch die Straßen von New York laufen (die Außenaufnahmen in Manhattan ließ Kubrick von einem zweiten Team drehen), auf der Suche nach der erotischen Unterwelt. Kubrick hat in Cruise offenbar den Jedermann unserer Tage gesucht, doch seine Kamera hat ihn nicht gefunden. Anders als Nicole Kidman, die sich unter Kubricks Blick zur großen Schauspielerin steigert, hat Cruise kein Gespür für die Möglichkeiten seiner Rolle. Er spielt nicht den Naiven, er markiert ihn. Die Furcht, die aus seinen Augen spricht, ist nicht die Angstlust des Dr. Harford vor den Freuden des Fleisches, sondern die Angst des Stars vor dem Meisterregisseur. Man kann sich gut vorstellen, wie Kubrick Cruise durch 50, 60 Wiederholungen einer Szene trieb, bis er ihn schließlich resigniert gewähren ließ. Am Ende des Kinojahrhunderts, in der zigtausendsten Neuauflage dieses alten Zweikampfs, haben schließlich beide verloren, der Künstler und sein Konterpart.

Ein einziges Mal ist der Film ganz bei sich selbst. Da betritt Harford, um sich eine passende Kutte für das Fest der Libertins zu besorgen, den Schauraum eines Kostümverleihs - und steht plötzlich zwischen den Adelsroben und Taftkleidern aus Kubricks Thackeray-Verfilmung Barry Lyndon von 1975. "Alles wie lebendig", sagt der Kostümverleiher, und es wirkt tatsächlich so, als bedürfte es nur eines Winks, und die edlen alten Stücke begännen zu tanzen, geisterhaft bewegt von den Erinnerungen des Regisseurs, der sie betrachtet. In Fellinis Casanova , dem Kubricks Orgienszenen vieles zu verdanken haben, wird Donald Sutherland am Ende mit einer Puppe glücklich, und einen Moment lang liegt diese Möglichkeit auch in Eyes Wide Shut in der Luft. Aber dann dreht sich der Film wieder weg von den Kostümen und zu seiner Vorlage hin, in eine Maskenwelt, die auch nur ein Traum aus dem Fundus ist.

Auch in Eyes Wide Shut steht der Zufall vor der Tür, aber Kubrick lässt ihn nicht herein. Ein Film, der von den Gefahren und Verlockungen des Erotischen handelt, müsste, wie Schnitzlers Vorlage, ein Element der Unordnung enthalten, eine visuelle Synkope, aber für Kubrick war diese Art von Kontrollverlust undenkbar. Eyes Wide Shut sei kein Film über Sex, sondern einer über Ängste, hat Kubricks Witwe Christiane gesagt. Wahr ist, dass Kubricks Furcht vor dem Ungeplanten so groß war, dass sie ihn sogar daran hinderte, seine Angst zum Thema zu machen. So wirkt Eyes Wide Shut wie die monumentale Versteinerung einer einstigen Filmidee, ein grandioses Fossil, das aus unvordenklicher Ferne ins Kino der neunziger Jahre gespült wurde.

"Nehmt mich!", ruft die Frau auf der Galerie, als William Harford sich schon verloren glaubt. "Ich bin bereit, ihn auszulösen!" Hilflos muss Harford mit ansehen, wie die nackte Schöne von zwei anderen Masken ergriffen und weggeführt wird. Dann öffnet sich der Kreis, und Bill Harford ist frei. Widerstrebend verlässt er den Saal, den er mit so viel falschen Hoffnungen betreten hat. Die Kamera folgt ihm eine Weile und bleibt dann zurück, als weigerte sie sich, den dunklen und zeitlosen Raum zu verlassen, in dem ein Mensch den anderen erlösen kann.

 
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