Das himmlische Kind

Über Hemingway, aus Anlass seines 100. Geburtstages

Ernest Miller Hemingway, geboren am 21. Juli 1899 in Oak Park unweit von Chicago, war der berühmteste Schriftsteller seiner Zeit, und jeder, der in den fünfziger, sechziger Jahren wirklich jung gewesen ist, hat ihn gelesen. Wahrscheinlich hat er uns alle beeinflusst, Männer wie Frauen, aber die Männer hat er gelehrt, Sentimentalität durch Lakonie zu bändigen und sich der Tränen nicht zu schämen. Anders als der Männlichkeitskult es will, dessen willfähriges Opfer Hemingway war, zeigt er in seinen Büchern, dass man manche Dinge (wie den Tod zum Beispiel) akzeptieren sollte und dass man nicht immerzu kämpfen muss. Er erzählt von der Würde der Hingabe und der Niederlage. Am Ende seines Kampfes mit dem Fisch denkt der alte Mann: Es ist einfach, wenn man geschlagen ist. Ich wußte nie, wie einfach es ist ( Der alte Mann und das Meer , The Old Man and the Sea , 1952).

Nicht selten erinnert man sich an die Lektüre der frühen Jahre, als die Gefühle noch frisch und heftig waren, wie an eine ferne Schwäche. Heute, da der Mythos Hemingway verblasst ist, erscheint er als der männermilde Abglanz einer heroischen, hoffnungslos vormodernen Jugendzeit, über die man besser schweigt.

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Wer Hemingway heute liest, der sieht mit neuen Augen, dass er ein wahrhaft großer Schriftsteller war, und er sieht, dass viele, die nach ihm kamen, einiges von ihm gelernt und übernommen haben - die Kunst des Weglassens zum Beispiel, die Antipsychologie, die berühmten Dialoge, die redselig im Uneigentlichen und wortkarg im Wesentlichen sind. Aber während seine Nachfolger diese Stilmittel oftmals berechnend einsetzen, scheinen sie bei ihm absichtslos, unschuldig und dadurch erst wirkungsvoll.

Er war, wie Hans-Peter Rodenberg in seiner neuen konzisen Monografie schreibt, der erste Schriftsteller-Star. Jede Affäre, jede Sauftour, jeder Schritt, den er tut, wird von Reportern und Fotografen bewacht. Und jeder Roman, den er veröffentlicht, wird ein Bestseller. Aber mit seinem Ruhm wächst sein Unglück. Je mehr er schreibt, desto weniger kann er schreiben. Am Morgen des 2. Juli 1961 bringt er sich um. Er richtet das Gewehr gegen sich selber und schießt sich die Schädeldecke weg. Da war er knapp 62 Jahre alt.

Der jetzt aus dem Nachlass erschienene Roman Die Wahrheit im Morgenlicht ( True at First Light ) befestigt noch einmal die Legende vom großen Jäger, Trinker und Liebhaber der Frauen. Zugleich zeigt er einen Mann, der unter Schlaflosigkeit und bösen Träumen leidet. Sarkastisch betrachtet er sein Spiegelbild: Rasiert sah mein Schädel leider aus wie die plastisch-historische Darstellung eines sehr untergegangenen Stammes.

Tapfer kämpft er gegen namenlose Ängste und redet sich Mut zu: Die angeblich dunklen Stunden der Seele, in denen es immer drei Uhr morgens ist, sind die besten Stunden eines Mannes, wenn er nicht gerade Alkoholiker ist oder Angst vor der Nacht und dem kommenden Tag hat. Vom Alkoholiker war er nicht weit entfernt, und Angst vor der Nacht hatte er oft, an seinem Ende auch vor dem kommenden Tag.

Der Deserteur Frederic Henry begegnet kurz vor seiner Flucht in die Schweiz einem greisen italienischen Grafen. In Stresa spielen sie Billard miteinander, trinken naturgemäß und unterhalten sich über einen Roman, den der Graf kürzlich gelesen hat. Er sagt:

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