Aufstand des kleinen Bruders
Taiwan verwirft das Dogma der Wiedervereinigung mit China - zu Recht
Niemand wird behaupten, in China seien Traumtänzer an der Macht. Die roten Mandarine in Peking sind ausgemachte Realisten. Doch wenn es um die Souveränitätsfrage geht, sind irrationale Reaktionen programmiert. So hat die Bemerkung des taiwanischen Präsidenten Lee Teng-hui, in Zukunft solle man davon ausgehen, dass es mindestens zwei Chinas gebe, den empfindlichsten Nerv der chinesischen Führung getroffen. Dementsprechend heftig ist die Reaktion. Was mit persönlichen Beschimpfungen - "Spalter", "Verräter", "Krimineller" - begann, steigerte sich schnell zu Einschüchterungsversuchen: Peking droht mit der Volksbefreiungsarmee, macht dunkle Andeutungen über eine mögliche Invasion der "abtrünnigen Provinz" Taiwan und weist auf den Besitz der Neutronenbombe hin. All das zeigt, dass Peking immer noch lieber zum großen Schlaghammer aus Mao Tse-tungs Zeiten greift, als sich mit einer Frage auseinander zu setzen, welche selbst im eigenen Lande schon seit längerer Zeit diskutiert wird: Wie viele Chinas gibt es eigentlich?
"Die Aussicht auf die totale Wiedervereinigung ist nun in verheißungsvolle Nähe gerückt", deklamierte Chinas Staatschef Jiang Zemin mit einem kleinen Beben in der Stimme, als am 30. Juni 1997 der Union Jack über Hongkong eingeholt wurde. Erst Hongkong, Ende dieses Jahres das von Portugal verwaltete Macao, dann Taiwan. Das ist Pekings Fahrplan. Und danach? Diese bange Frage stellen sich vor allem die vielen chinesischen Kaufmannschaften im Ausland, denen ihre Geschäftsimperien wichtiger sind als irgendein Staat. Ihre Zukunftsvorstellungen vertragen sich überhaupt nicht mit dem Nationalismus, der heute in Peking groß geschrieben wird.
Trotz ihrer angriffslustigen Rhetorik handeln Jiang und sein Premierminister Zhu Rongji aus der Defensive heraus. Im Oktober feiert China den 50. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik, und die konservativen Fraktionen sind kräftig dabei, gegen die Parteispitze zu trommeln, die in ihren Augen viel zu konziliant ist. Der bleibt deshalb keine andere Wahl, als nach außen demonstrativ Härte zu zeigen, wenn sie sich hinter den Kulissen Spielräume offen halten will. Doch Pekings vorsichtige Reformer stecken in der Zwickmühle. Belassen sie es bei bloßer Rhetorik, dann könnte das als stillschweigende Zustimmung zu einem "Zwei-China-Konzept" ausgelegt werden. Schlagen sie dagegen zu, dann würden sich die Militärs nicht nur an der hoch gerüsteten Inselrepublik die Zähne ausbeißen, es könnte auch zu einer Konfrontation mit den USA, der inoffiziellen Schutzmacht Taiwans, kommen. Ein solcher Konflikt würde die gesamte asiatisch-pazifische Region in seinen Strudel reißen. Die Konsequenzen für China, das mit Arbeitslosigkeit und Umbruch ohnehin nicht fertig wird, wären verheerend.
So ist es nicht verwunderlich, dass Washington wie Tokyo fast gleichermaßen alarmiert auf das neue Zweistaatlichkeitskonzept des taiwanischen Präsidenten reagiert haben wie Peking. Für beide war bisher das "Ein-China-Dogma" der Garant für die Koexistenz des sehr großen und des sehr kleinen Chinas. Peking war bereit, die faktische Existenz eines zweiten Chinas zu tolerieren, wenn denn nur die Sprachregelung stimmte. "Ein Land, zwei Systeme" lautete das Credo von Deng Xiaoping. "Ein Land, zwei unterschiedliche politische Einheiten" hieß es in Taiwan - mit dem Zusatz, dass eine Wiedervereinigung mit dem Festland nur denkbar sei, wenn sich dieses der taiwanischen Demokratie und Ökonomie angeglichen habe. Warum also jetzt die brüske Abkehr vom Status quo, die das Gleichgewicht gefährlich aus der Balance zu bringen droht?
Ganz einfach: Wenn Taiwans Präsident Lee Teng-hui ungeschminkt sagt (übrigens nicht zum ersten Mal), "Taiwan ist ein unabhängiges souveränes Land", dann entspricht das schlicht der Realität. Denn die kleine Inselrepublik mit ihren nur 21 Millionen Einwohnern hat sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten zu einer höchst lebendigen Demokratie entwickelt - allen Unkenrufen zum Trotz, dass so etwas in einem chinesischen Gemeinwesen nicht möglich ist.
Ein, zwei - warum nicht sieben Chinas?
1996 ist erstmals in der chinesischen Geschichte mit Lee Teng-hui ein Staatschef vom Volk in allgemeinen Wahlen bestimmt worden - eine Wahl, die Peking mit der Inszenierung einer Raketenkrise zu verhindern suchte. Taiwan liegt heute in der Rangliste der Industrienationen auf Platz 14. Es verfügt über die zweithöchsten Devisenreserven der Welt, ist der fünftgrößte Elektronikproduzent und hat als einziges Land in Asien die Finanzkrise relativ unbeschadet überstanden. Die selbstbewussten Taiwaner mit ihrem hohen Lebensstandard wollen alles andere, als mit ihren rückständigen Brüdern und Schwestern auf dem Festland wieder vereinigt werden. "Ich bin zuerst Taiwaner und dann Chinese", sagt Lee Teng-hui und spricht damit seinen Landsleuten aus dem Herzen.
- Datum 22.07.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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