Mit der Bundeswehr stand er nicht auf gutem Fuß. Kaum war Gustav Heinemann am 5. März 1969 zum neuen Bundespräsidenten gewählt worden, da hatte er, dessen jahrelanger Kampf gegen die Wiederbewaffnung unvergessen blieb, schon in einem Interview erklärt, die Bundeswehr müsse sich in Frage stellen lassen. So kam das bei den Soldaten an, doch wer genau las, konnte ihre Empörung nicht teilen. Gesagt hatte er: "Jede Bundeswehr muss grundsätzlich bereit sein, sich um einer besseren politischen Lösung willen in Frage stellen lassen." So ist es ja dann 21 Jahre später bei den Verhandlungen über die Wiedervereinigung auch der Fall gewesen. Nach der Amtsübernahme Heinemanns machte ihn eines Tages sein militärischer Adjutant, ein Marineoffizier, mit dem gebotenen Takt darauf aufmerksam, dass jetzt die Antrittsbesuche bei den Inspekteuren der drei Teilstreitkräfte und des Sanitäts- und Gesundheitswesens fällig seien. Der Präsident ließ sich die Liste vorlegen und entschied kurzerhand: "Dann fangen wir mal bei den Sanitätern an!"

Diese Anekdote spiegelt schon bemerkenswerte Eigenschaften des sozialdemokratischen Präsidenten wider: die Vorliebe fürs Unkonventionelle, den trockenen Humor, vor allem aber sein Mitempfinden für jene, die nicht im Lichte stehen, gleichwohl täglich treu ihren Dienst verrichten. Dieser Dr.

rer-pol. und Dr. jur. Gustav Walter Heinemann (von seinen Genossen auch "Gustav-Gustav" genannt) war ein Glücksfall für das deutsche Volk. Er hat vorgelebt, was ein freier Bürger, auch wenn er eigentlich gar keine Macht hat, in einer Demokratie alles bewirken kann.

Heinemann, geboren am 23. Juli 1899, wurden der republikanische Geist und seine unermüdliche Schaffenskraft gleichsam in die Wiege gelegt. Der Vater, Sohn eines armen Metzgers aus Eschwege, hatte es bis zum Prokuristen bei Krupp gebracht. Politisch geprägt fürs Leben wurde sein Sohn jedoch durch Gustav Walter, den Großvater mütterlicherseits. Der sang ihm das Hecker-Lied vor, und er erzählte ihm stolz von seinem Vater, der zusammen mit zwei Brüdern im Revolutionsjahr 1848 auf den Barrikaden in Elberfeld gekämpft hatte.

Als 17-Jähriger mit Notabitur wurde Gustav 1917 noch zum Militär eingezogen, zur Feldartillerie, wo er als bester Richtkanonier glänzte. Doch die Grippeepidemie 1918 bewahrte ihn vor dem Fronteinsatz. Sein Berufsziel stand schon lange fest: Er wollte Rechtsanwalt werden. Der Jurastudent schrieb Silvester 1919 in sein Tagebuch: "Wir müssen Demokraten und Repulikaner sein, oder wir werden nicht mehr sein!" Hitler sah er ein einziges Mal - 1920 bei einer Naziversammlung in München. Wegen eines Zwischenrufs wurde er von der SA aus dem Saal geworfen. Er war traurig über den "nahezu uferlosen Antisemitismus" und seither gefeit gegen den Nationalsozialismus, dem schon bald so viele Studenten verfallen sollten. Bei der letzten freien Wahl in Deutschland im März 1933 wählte er die SPD.

Inzwischen hatte der junge Rechtsanwalt und zweifache Doktor Karriere gemacht. Der tüchtige Sozius eines bekannten Strafverteidigers in Essen wurde von den Rheinstahl-Werken in Essen als Justiziar abgeworben. Er stieg schnell auf, bekam hohe Gehälter, brauchte, weil unabkömmlich, nicht in den Krieg und wurde nach 1945 als "Bergwerksdirektor" Chef der Hauptverwaltung. Dem Journalisten Hermann Schreiber tat er kund, dass er nicht ausgegeben, was er verdient, sondern wie sein Vater viel gespart habe. Er hat nie ein eigenes Haus besessen, sondern lebte mit seiner Familie bis zuletzt - ausgenommen die fünf Jahre in der Bonner Villa Hammerschmidt - in einer Dienstwohnung in einem vornehmen Viertel von Essen

ebenso verzichtete er auf ein eigenes Auto.