Die tapfere Luise

Von Weststadt nach Oststadt - eine, die auszog, das Gruseln zu lernen von Heide-Ulrike Wendt

BERLIN/FRANKFURT AN DER ODER Es war Mitte der Neunziger, als mir ein großes Glück wiederfuhr: Ich durfte 15 Monate für ein bunt-schillerndes Hamburger Magazin arbeiten. Ich war der einzige Ossi weit und breit, und jeden Morgen, wenn ich an meinen Schreibtisch kam, lag da, gleich neben dem Apple, eine Banane. Ich hatte sie dort nicht am Abend liegen lassen. Nein, sie lag da ganz frisch, denn all meine netten Kollegen wussten natürlich, wie lange ich auf Bananen hatte verzichten müssen. Die Banane wurde durch mich zum ständigen Quell des Frohsinns. Manchmal bekam ich sie direkt von der Staude, manchmal gut abgehangen, in Schokolade gewälzt, in Zuckersirup eingelegt, als Schlüsselanhänger, in Plüsch und Pappmaché, als quietschegelben Vibrator.

Es war unmöglich, auch nur einem in der Redaktion beizubiegen, dass der Fall der Mauer schon eine ganze Weile zurücklag und meine Menschwerdung längst begonnen hatte. Ich weiß, es klingt erstaunlich, aber ich esse mittlerweile lieber Granatäpfel oder Lychees, und ich muss nicht mal mehr danach anstehen.

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Dieser Luxus hat mich erzogen und geformt und meinen Geist geöffnet für das Wesentliche.

Ähnliches ist jetzt in Frankfurt an der Oder, direkt an der deutsch-polnischen Grenze, geschehen. Nur umgekehrt.

Da hat in den vergangenen fünf Jahren eine junge Frau aus dem Westen alles in den Computer gehackt, was ihr im Osten widerfahren ist: alles eins zu eins und zu wahr, um schön zu sein. Sie heißt Gabriela Mendling, ist 39 Jahre alt und hat soeben im Transit-Verlag, Berlin, unter dem Pseudonym Luise Endlich ihren Erstling veröffentlicht. Wahrscheinlich, um endlich ihren Frust abzulassen: NeuLand. Ganz einfache Geschichten.

Die erste beginnt so: "Dreiköpfige Familie sucht Haus oder Wohnung in schöner Umgebung zur Miete oder zum Kauf, Makler zwecklos. Chiffre ..." Und damit nimmt das Unglück seinen Lauf, denn da wollen eben nicht Leute von Dresden nach Leipzig oder von Köln nach Stuttgart, sondern von "Weststadt" nach "Oststadt" ziehen, wie es im Buch heißt. Oberarzt Fritz Hitzig (aus Wuppertal) hat die Chance, im Osten (Frankfurt/Oder) zum Chefarzt aufzusteigen. "Eine vergleichbar ausgestattete Klinik ist hier im Westen nicht zu bekommen, Luise", beschwört er seine Frau, denn natürlich will er, dass sie und Sohn Oskar mit ihm gehen. Er bringt von seinem Bewerbungsgespräch ein selbst gedrehtes Video mit, das beweist: Im Osten nichts Neues. "Vom Krieg zerschossene Häuser, denen Fenster und Dächer fehlten einige der Menschen, die zu sehen waren, agierten wie Statisten eines Nachkriegsfilms."

Doch weil Luise ihren Mann liebt, packt sie wenig später die Koffer, um mit ihm in Oststadt nach einem passenden Quartier zu suchen. Er zumindest ist felsenfest davon überzeugt, dass hier im Frühling "sicherlich sehr, sehr seltene Vögel brüten".

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  • Schlagworte Clara Zetkin | DDR | Spanien | Berlin | Dresden | Frankfurt an der Oder
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