Sie treffen auf eine Gesellschaft in der Krise. Der "Sozialismus chinesischer Prägung" erinnert in der Ära nach Deng Xiaoping bisweilen an den Manchesterkapitalismus der Jahrhundertwende. Arbeitslosigkeit, Korruption und Sorge um die Ausbildung ihrer Kinder stürzen plötzlich auf die Chinesen ein. "Viele Anhänger der Falun Gong sind Städter aus den unteren Einkommensklassen. Diese Menschen sind zutiefst verunsichert, was ihre Zukunft angeht", sagt die regimekritische Autorin Dai Qing. Wie verführerisch muss da ein Guru wie Meister Li sein, der die "gesammelte Weisheit des Kosmos" häppchenweise verabreicht!

Selbst Parteikader studieren statt der Mao-Bibel die Werke des Sektenführers

Die älteren Parteikader, die früher selbst in blinder Gefolgschaft dem roten Gott Mao Tse-tung nachliefen, verstehen instinktiv die politische Sprengkraft der Lehren eines Meister Li. Viele, die heute dessen Standardwerk Zhuan Falun (Der Gebotsweg) auswendig lernen, haben in ihrer Jugend noch die rote Mao-Bibel studiert. "Der einzige Unterschied zwischen Li Hongzhi und Mao Tse-tung ist, dass Mao sich selbst nie als Heiligen bezeichnet hat", sagt Wei Jingsheng.

Auch der Nachwuchs der Partei ist gegen die neue Lehre nicht gefeit. Wer heute in die KP eintritt, tut dies nur noch um seiner Karriere willen. Den Sinn ihres Daseins suchen die Kader längst anderswo. Schon wurden in Pekinger Ministerien Beamte gesichtet, die, im Schneidersitz auf ihren Stühlen sitzend, die Sutras des Meisters Li rezitierten. "Es gibt auch eine Schar von hochgebildeten Falun-Gong-Bewunderern. Dazu zählen der Sportminister Wu Shaozu und der prominente Wissenschaftler Qian Xue Sen. Sie sind von der nationalistischen Propaganda der Partei beeinflusst, dem ganzen Gerede vom kommenden chinesischen oder pazifischen Zeitalter. Falun Gong gefällt ihnen, weil sie es für eine traditionell chinesische Lehre halten", sagt Dai Qing. Die Unterwanderung der KP - und damit der Regierung, der Armee und der Polizei - hat die Führungsspitze alarmiert.

Neben spiritueller Erfüllung hat Meister Li freilich auch handfeste Nutzwerte zu bieten. Falun Gong ist Heilslehre und Heil-Lehre zugleich. Der große Meister pflanzt seinen Jüngern angeblich aus der Ferne das "Falun" (Gebotsrad) in den Unterleib, das dann 24 Stunden am Tag "kosmische Energie" in deren Körper schaufele. So soll Li ohne den zusätzlichen Einsatz von Pillen oder Skalpellen (Spenden hingegen waren stets willkommen) unter anderem folgende Krankheiten und Zipperlein geheilt haben: die Herzleiden eines 50-jährigen Liedermachers und das Leberleiden einer 60-jährigeFrau, die dicken Pickel einer 20-jährigen Studentin und den bösartigen Gehirntumor eines 42-jährigen Militäringenieurs, ferner Tuberkulose, Verdauungsstörungen, Gehirnschläge, hohen Blutdruck, Menstruationsbeschwerden, Schlaflosigkeit und die Spätfolgen von Gehirnschlägen.

Solche Erfolgsmeldungen beeindrucken eine städtische Unter- und Mittelschicht, deren medizinische Versorgung immer unsicherer geworden ist. Zu Maos Zeiten standen vielen Genossen am Arbeitsplatz Arzneimittel und Ärzte kostenlos zur Verfügung. Die Versorgung war nach den Maßstäben von Entwicklungsländern vorbildlich. Vor allem war sie allgemein zugänglich. Doch seit Beginn der Reformpolitik haben immer mehr Fabriken ihre Lazarette geschlossen. Behandelt wird in den stets überfüllten öffentlichen Krankenhäusern nur noch gegen Vorkasse - in bar. Und nur eine Minderheit der Chinesen ist krankenversichert.

Jeder Chinese kennt haarsträubende Geschichten über abgeschaltete Dialysegeräte von Nierenpatienten oder schwer verletzte Unfallopfer, die an der Krankenhauspforte abgewiesen wurden, weil sie die Behandlung nicht bezahlen konnten. "Falun Gong sagt den Leuten, ihre Krankheiten stammten von bösen Taten in ihrem vorherigen Leben und sie brauchten bloß Sutras zu rezitieren, um sich von den bösen Elementen zu reinigen. Das fasziniert viele Menschen, die nicht genug Geld für die Krankenkosten haben", sagt Dai Qing.