Der Roman Der Meister und Margarita bezieht sich ganz offensichtlich auf zwei große klassische Werke der europäischen Tradition und verteidigt mit dieser Referenz das klassische Literaturkonzept, das heißt, es führt den Beweis, dass in unserem in jeder Hinsicht antiklassischen Jahrhundert klassische Literatur möglich ist. (Klassisch nenne ich hier ein Werk, das, ohne etwas von seiner Einzigartigkeit zu verlieren, viele Werke in sich vereint, wobei diese Vereinigung auf Korrespondenzen gründet und nicht auf Zitaten.) Die zwei Werke, mit denen Der Meister und Margarita ganz offen korrespondiert, sind Dantes Göttliche Komödie und Goethes Faust .

Wie Dantes Werk ist auch Der Meister und Margarita eine Abrechnung mit dem "Diktat der Geschichte", mit der menschlichen Welt in einem unglücklichen historischen Augenblick, mit einer Welt, in der das gesamte gesellschaftliche Leben, die gesamte menschliche Wirklichkeit, auf bloße Politik reduziert ist. Bei Dante gründet sich diese Abrechnung auf einer metaphysischen Gerechtigkeit, die mit Gewissheit kommen und die ewig währen wird, bei Bulgakow beruht sie auf dem Glauben, dass es das Jenseits und den Teufel, der einen holen und damit aus der Geschichte retten kann, tatsächlich gibt. Bei Dante kommt die Gerechtigkeit im Jenseits, wenn die an dem Schrecken dieser Welt Schuldigen in ewiger Pein ihre in dieser Welt (in der Geschichte) begangenen Sünden zu bereuen haben, bei Bulgakow beginnt die Gerechtigkeit bereits im Diesseits und äußert sich darin, dass diese geschichtliche Welt, die viel zu viel von ihrer Wahrhaftigkeit verloren hat, bedeutend weniger real ist als die Literatur. In der "Wirklichkeit" des Stalinschen Moskaus gibt es keine einzige individualisierte, komplexere, auch nur andeutungsweise "wirkliche" Figur, vielmehr sind alle Figuren bloße Funktionen, vor allem der Meister und seine Geliebte, die, obwohl formal die Titelfiguren, wie verschlissene Klischees eines bestimmten Typs von Geistigkeit gebildet sind; im Gegensatz dazu sind in des Meisters Roman über Pilatus alle Figuren äußerst individualisiert und die Handlungen aller Figuren so grundlegend motiviert, dass diese Figuren wie ausgesprochen "wirkliche Personen" wirken. Zudem geschehen im "wirklichen" Moskau nur Wunder und Dinge, die sich dem menschlichen Verstand entziehen (deshalb sind alle Geschehnisse in der "Wirklichkeit", das heißt in Moskau, durch den Willen der unreinen Macht motiviert, andere Typen der Motivation gibt es gar nicht, da es keine auch nur annähernd "realen" Menschen und auch keine Logik gibt, die das Geschehen bestimmen würde, mit einem Wort, da es keine Wirklichkeit gibt), während im Roman des Meisters alle Geschehnisse grundlegend motiviert und so dem menschlichen Verstand begreiflich gemacht werden. Selbst die geheimnisvollsten neutestamentlichen Momente, etwa die "Rückgabe des fluchbeladenen Geldes" durch Judas, sind durch die wechselseitige Aversion zwischen Pilatus und Kaiphas motiviert und dadurch, dass sie wie eine gut gefügte Kriminalgeschichte erzählt werden, geradezu "rationalisiert". Mit einem Wort - bei Bulgakow ist die "Wirklichkeit" willkürlich, auf bloße Funktionen und Klischees reduziert und kann als "Schatten eines Schattens" nicht überzeugen, während die Literatur wirklich, mit wirklichen Personen besiedelt, begreifbar ist, weil sie wahrhaftig ist. Grundsätzlich eignet dem Totalitarismus eine Fülle an Unwirklichkeit im Alltagsleben, und deshalb ist die Literatur das Einzige, durch das sogar in einer totalitären Welt gesunde Ratio und Wirklichkeit gerettet werden könnten.

"Nun gut, wer bist du denn? - Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", sagt der Teufel in Goethes Faust, dem anderen klassischen Werk der europäischen Literatur, auf das sich Der Meister und Margarita ganz offen bezieht. Faust ist scheinbar dualistisch, ebenso wie der Roman Bulgakows, die gerade zitierte Stelle, die die Scheinbarkeit des Dualismus im Faust explizit zeigt, hat Bulgakow seinem Roman als Motto vorangestellt und damit deutlich auf die Korrespondenzen seines Romans mit der Goetheschen Tragödie hingewiesen. Diese ausgesprochen technischen Korrespondenzen können wir diesmal außer Acht lassen, denn nicht ihretwegen ist Der Meister und Margarita eine absolute Ausnahme und ein völliger "Außenseiter" in der europäischen Literatur dieses Jahrhunderts, sondern wegen einer Verwandtschaft mit Goethes Faust, die in der Literatur unserer Zeit ganz unmöglich ist. Bulgakow glaubt ebenso an das Gute und den Sinn wie Goethe. Goethe musste ganz offensichtlich seine ganze Meisterschaft aufbieten, um an der Schwelle unserer Epoche einen glücklichen Faust zu schreiben, weil sich schon zu seiner Zeit die dunklen Seiten der Aufklärung ankündigten; vermutlich wird uns gerade deshalb so drastisch vor Augen geführt, dass mit Faust eine Epoche zu Ende geht und ein mögliches Weltgefühl aufhört. Welche Kraft und welche Meisterschaft musste da erst Bulgakow aufbieten, um seinen Faust zu schreiben?! Und das in unserer Zeit, in der die dominante Strömung der Literatur im Widerstand zu ihrem eigenen Fundament steht, indem sie hartnäckig zu beweisen sucht, dass sie des Sinnes entbehrt und somit nicht möglich sein kann.

Aufgrund des Glaubens an die Existenz, aufgrund der Bereitschaft - der Geschichte und allen menschlichen Taten zum Trotz -, den Sinn zu verteidigen, vor allem aber aufgrund der Überfülle an unvergleichlichem Humor ist Der Meister und Margarita für mich ohne jede Einschränkung mein Buch des 20. Jahrhunderts. Ein Buch rückhaltlosen Glaubens an die Literatur, ein Buch, das behauptet, Literatur spreche auch dann die Wahrheit, wenn sie auf der Tatsachenebene Fehler macht - wie der Zöllner: Levi Matthäus, der, obwohl er falsche Dinge behauptete, die Wahrheit schrieb, wie das Zeugnis des Jeshua Ha-Nozri beweist.

Aus dem Bosnischen Klaus Detlef Olof

· Michail A. Bulgakow:Der Meister und Margarita. Roman; aus dem Russischen von Thomas Reschke; dtv 12259, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997; 528 S., 18,- DM