Die Welt als BlutsumpfSeite 2/2
Zwischen den beiden Richards des Anfangs und des Endes, dem Schnösel und dem Menschenfresser, ereignet sich nicht nur der Aufmarsch all der königlichen Heinriche und Eduarde, ungefähr so, wie wir sie von Shakespeare kennen, Vater-Sohn-Konflikte eingeschlossen; das Bearbeiterduo Perceval/Lanoye gewinnt den Königsdramen sogar ein Damendrama ab, das man so bei Shakespeare nicht nachschlagen kann, nämlich die Königinnenchronik der Margaretha di Napoli,die durch eine höfische Intrige mit dem weltfremden Bücherwurm Heinrich VI. verkuppelt wird. Nina Kunzendorf als Margaretha ist ein Elementarereignis - ein fatales Weib vom Kontinent, halb Schlampe und halb belle dame sans merci, das in die Wolfswelt des englischen Hofs einbricht und die Köpfe der Männer entweder verdreht oder rollen lässt. Durch sie wird das Rosenkriegsgemetzel gefährlich, aber unterhaltsam erotisiert. Wenn sie nackt und blutbesudelt über den Kadavern von Freund und Feind ihren Triumph ausrast, erreicht der Machtrausch als Blutrausch den Höhepunkt.
Von da an beschleunigt sich die Schlächterei, nimmt zu an Tempo, auch an Beiläufigkeit und Monotonie. An den Bühnenrändern häufen sich zeternde Witwen. Wen sie betrauern, ist austauschbar: War es ein Eduard, ein Heinrich? Schon vergessen, versunken. Der Blutsumpf hat sie verschlungen. Die Witwen sind aus dem Spiel, aber zugleich fehlt es bereits an Mitspielern. Da alle Cousins aus den anderen Familienzweigen ermordet sind, kehrt der Clan der Yorks seine Todesenergien nun gegen sich selber. Im Gangstertrio Eddy, Georgie und Rich, in ihrem mafiosen Wüten findet Perceval für diese Stufe der Barbarisierung der Gesellschaft das schlüssige Bild - triftig, aber auch trivial.
Eine Spirale, die sich mörderisch ins Leere dreht
Zu welchem Ende plündern die Schlachten!- Bummler Perceval/Lanoye den Materialsteinbruch der Königsdramen? Welche Lesart klittern sie aus Shakespeares gewaltiger Chronik? Shakespeare zeigte, wie zwischen Mittelalter und Renaissance die Strategien der Machtlegitimierung wechseln, vom Gottesgnadentum mit seiner tragenden Idee der zwei Körper des Königs über den schieren Machiavellismus bis zur Rechtfertigung (und Verherrlichung) einer neuen Ordnung unter den Tudors, der Sippe von Shakespeares Gönnerin und Königin Eli-sabeth. Jede Bestialität ist nur ein Verweis auf die gestörte, aber wieder herstellbare Ordnung.
Solch konservativer Glaube ist den beiden Flamen fremd. Für sie ist die Bestialisierung ein fortschreitender Prozess ohne Ende und ohne Umkehr, die Schlussvision vom Kinderkönig Richmond kann kaum überzeugen, nach all den Kindern, die wir im Stück haben verderben sehen. Shakespeares Großer Kreislauf ist den Bearbeitern nur eine Spirale, die sich zuletzt mörderisch ins Leere dreht. Machtzerfall ist Kulturzerfall ist Sprachzerfall, so lautet ihre Formel für die Verwilderung der Welt. Sie zeigen, wie auch die Sprache auf den Hund kommt, wenn die Menschen sich in Bestien verwandeln. Ausgehend vom gezierten Blankversparlando am Hofe von Richard Deuxième, wird die Sprache stetig barbarisiert, bis hin zum erbrochenen Schurkengestammel des letzten Richard.
Die Verluste sind beträchtlich und sollen nicht verschwiegen werden. Shakespeares Richard III. ist zwar ein Monster, aber eines, das seinen Machiavelli gelesen hat. Sein Körper ist ungestalt, aber sein Geist ist gewandt, seine Rede voller Finessen. In dieser Hauruck-Version bleiben solche Nuancen ebenso auf der Strecke wie Shakespeares liebenswerte Fauna von kleinen Strolchen und dicken Rittern, die ganze Falstaff-Welt, die er dem höfischen Machtspiel menschenfreundlich entgegenstellt. Eine Tunte La Falstaff im Fummel kann solche Verluste nicht wettmachen. So ist Schlachten! zwar ein großer Wurf, der aus Shakespeares Kosmos aber auch manches wegkegelt.
- Datum 29.07.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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