Freiheit macht Angst
Als Stiftung dürften Unis ihr Geld verwalten und Professoren entlassen. Sie trauen sich nicht
Seit dem 25. August vergangenen Jahres sind Deutschlands Universitäten frei. Endlich dürfen sie tun, wovon die deutschen Hochschulrektoren und -präsidenten immer geträumt haben: autonom handeln, das Geld ausgeben, wie sie wollen, nur noch fleißige Studenten hereinlassen und endlich alle faulen Professoren hinauswerfen. Das noch von Wissenschaftsminister Rüttgers verabschiedete erneuerte Hochschulrahmengesetz macht's möglich. Es sieht vor, dass sich Hochschulen andere Rechtsformen geben können als die einer staatlichen Anstalt, etwa die einer Stiftung oder einer GmbH.
Doch niemand nutzt die junge Freiheit. Stattdessen überlassen es die Hochschulen anderen, darüber nachzudenken. Zum Beispiel der Handelskammer in Hamburg. Sie hat jetzt den Vorschlag gemacht, alle Hochschulen der Hansestadt - immerhin zehn - in Stiftungen öffentlichen Rechts umzuwandeln, um "mehr Freiheit für unternehmerisches Handeln" zu schaffen.
Eine Stiftung wäre auch für private Geldgeber attraktiv
Sie wären es aus gutem Grund. Denn in den vergangenen Jahren hat sich trotz oder vielleicht gerade wegen des allenthalben herrschenden Reformrummels gezeigt: Ganz einfach ist die akademische Freiheit unter staatlicher Verantwortung nicht zu haben. Da mögen sich einzelne Landesherren noch so nachgiebig zeigen, Globalhaushalte bewilligen und alle Arten von Experimenten erlauben - Autonomie lässt sich nicht verordnen; staatliche Toleranz ist immer eine Ermessensfrage. Wenn in einem der 16 Bundesländer der Wissenschaftsminister wechselt - und das geschieht andauernd -, wechselt meist auch die politische Linie und nötigt die Landeshochschulen auf einen neuen Schleuderkurs.
Obendrein erzeugt mitunter gerade staatlicher Reformeifer neue Zwänge: Als Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsministerin Gabriele Behler kürzlich ankündigte, sie werde die Arbeitszeit "ihrer" Professoren überprüfen, um deren übermäßigen Freiheitsdrang in den Griff zu bekommen, hatte sie zwar das Volk auf ihrer Seite (denn Professorenschimpf ist fast so schön wie Lehrerschelte), die Autonomie der Hochschulen dabei aber grob missachtet. Nur hier nämlich kann angemessen, also gerecht über die Arbeitsanstrengung der Ordinarien geurteilt werden. Oder sollte geurteilt werden können. Denn in ihrer augenblicklichen Verfassung - und das ist die Kehrseite der Medaille - hat keine deutsche Universität die Kraft zu wirksamer Selbstkontrolle. Als Michael Daxner, Präsident der Universität Oldenburg, sich daranmachte, säumige Kollegen qua Amtsgewalt zur Rechenschaft zu ziehen, hatte er nur noch Feinde. Er wurde nicht wiedergewählt.
Private Universitäten dagegen können sanktionieren, entlassen, einstellen, wie sie es für richtig halten. Aber heil ist die freie Hochschulwirtschaft auch hier nicht, schon gar nicht in Deutschland. Zwar gab es in den vergangenen Jahren ein paar Neugründungen, die stolz mit dem Etikett "Privatuniversität" daherkamen, doch es handelt sich dabei meist um Business-Schools, die zwar durchaus effektiv sind, aber wenig an der Gesamtlage ändern. Die einzige wirkliche Privatuniversität aber, Witten/Herdecke, hat gezeigt, dass private Hochschulen nicht ohne staatliches Zubrot (ein Viertel vom Gesamtetat) überleben können. In England und den USA, wo es Stiftungshochschulen in allen Farben und Formen gibt, ist das nicht anders; ohne öffentliches Geld geht es fast nirgends.
Eine öffentliche Stiftung, also ein Gebilde weder rein staatlicher noch rein privater Natur, hat da gute Chancen, ein Idealmodell für deutsche Hochschulen abzugeben. Es müsste sich allerdings jemand finden, der es versucht.
- Datum 29.07.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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