Der Lieblingsdichter der Nation ...

... war zu Goethes Zeit natürlich nicht Goethe, sondern: August Lafontaine. Eine Richtigstellung aus gegebenem Anlass von Dirk Sangmeister

Goethe, nichts als Goethe, ein ganzes Jahr lang Goethe. Und je näher der 250. Geburtstag am 28. August rückt, desto pompöser die Gedenkveranstaltungen, desto goethevoller alle Buchhandlungen, desto goetheschwerer die leichten Blätter der Feuilletons. So allumfassend aber auch diese Huldigung gerät, eines wird dabei gern vergessen: Während der Blütezeit von Klassik und Romantik gab es in den deutschen Landen einen Autor, der viel berühmter und vor allem weitaus gelesener war als Goethe - August Lafontaine. Bis in die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein war er unangefochten der Lieblingsdichter der Nation.

So wie in den Theatern von Hamburg, Berlin oder Wien (und selbst in Weimar) Goethes Stücke keine Chance gegen die Werke der Erfolgsdramatiker Iffland und Kotzebue hatten, so musste seine Belletristik stets zurückstehen hinter den Romanen Lafontaines, der mit seinen sentimentalen Bestsellern ein Millionenpublikum zu Tränen rührte und blendend unterhielt. Lafontaine wurde gelesen von Königen und Kammerzofen, Prinzen und Bäckerburschen

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zu seinen beredten Bewunderern gehörten Jean Paul und Georg Forster, Friedrich Schiller und Novalis, Jacob Grimm und Franz Grillparzer.

Ganz Europa seufzt und liebt und weint mit Lafontaine

Aber nicht nur in Deutschland galt er als Berühmtheit, er war auch ein Romancier von europäischem Ruf: Zwischen Stockholm und Neapel, Lissabon und Moskau erschienen im späten 18., frühen 19. Jahrhundert 392 Übersetzungen seiner Werke in 507 Auflagen und Ausgaben in 14 verschiedenen Sprachen. Der dänische Romantiker Adam Oehlenschläger nannte Lafontaine seinen "Abgott".

Stendhal hielt seine Romane für die einzigen Lichtblicke in der deutschen Literatur, Madame de Staël kannte alle Werke Lafontaines, und auch Napoleon soll die Romane des empfindsamen Deutschen besessen haben.

Lafontaines Werke verkauften sich so gut, dass ausländische Buchhändler schon 100 Exemplare seines neuesten Buches bestellten, bevor dieses auch nur geschrieben worden war. Und Theodor Fontane musste sich noch 1864 bei einem Besuch in Dänemark von einem Fährmann am Limfjord die Frage gefallen lassen, ob er "ein Sohn von dem Lafontaine sei, der die schönen Romane geschrieben habe". Kurzum: Es gibt keinen anderen Schriftsteller jener Epoche, der zu Lebzeiten so berühmt gewesen und heute so gründlich vergessen ist wie August Lafontaine.

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