Mein Jahrhundertbuch (32)
Daniil Granin: "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" von Jaroslav Hacek
Es gibt in der Weltliteratur Helden, die ihren Büchern entstiegen sind, sich mitten unter den Menschen angesiedelt haben und ihr eigenes Leben führen, unabhängig von ihrem Autor und dessen Sujet. Alles, was dafür nötig ist, haben sie: einen eigenen Charakter, ein unverwechselbares Äußeres, eine eigene Art zu denken und zu handeln. Don Quijote, die drei Musketiere, Hamlet, Faust, Chlestakow, Oblomow ... Glücklich der Schriftsteller, der eine solche Figur zu erschaffen vermochte. Eine Figur wie zum Beispiel den braven Soldaten Schwejk, erdacht von Jaroslav Hacek.
Schwejk begleitet mich seit meiner Jugend; in schweren Minuten setzt er sich zu mir und bietet mir ein Bier an. Sein rundes, gutmütiges Gesicht, von dem tschechischen Maler Josef Lada so gut getroffen, strahlt alle Freuden des Lebens aus. Doch man sollte sich keinesfalls von seiner dümmlichen Naivität täuschen lassen. Schwejk ist ein großer Meister darin, sich dumm zu stellen. Oberleutnant Lukasch hält ihn gern für einen Idioten. Genau das möchte Schwejk. So kann er sagen, was er will, sich über die Dummheit der Vorgesetzten und den patriotischen Schwindel lustig machen. Hinter dieser Maske ist er frei und kann er selbst bleiben.
Schwejk ist der Lieblingsheld ganzer Generationen von Lesern. Er wird in allen Ländern geliebt, besonders in Russland, was ich bezeugen kann. Er ist längst zu einem Volkshelden geworden, sein Name zum Begriff. Wenn ich mich dumm stelle, sagt meine Frau: "Spiel nicht den Schwejk!" Den Schwejk spielen ist eine Haltung, die jeder versteht. Man eifert ihm nach. Mir fällt kein anderer Held ein, dem man so nacheifern kann wie Schwejk. Außer vielleicht Gogols falschem Revisor Chlestakow, dem Schwindler, Aufschneider und Improvisator.
Schwejk, von Hacek 1923 geschrieben, hat uns durch Jahrzehnte begleitet, ohne zu altern und ohne dass wir seiner überdrüssig geworden wären. Er passte auch in den Zweiten Weltkrieg, denn dort passierte das Gleiche wie zu Schwejks Zeit.
Natürlich will ich die Rolle der Literatur und ihre Macht nicht überschätzen. Das 20. Jahrhundert hat Rekorde an Menschenverachtung aufgestellt. Doch die Literatur hat sich nach Kräften bemüht, Totalitarismus und Verbrechen zu entlarven. Der brave Soldat Schwejk hat uns sehr geholfen, die Liebe zum Menschen zu bewahren, den rettenden Humor und die Fähigkeit, Schicksalsschläge zu ertragen. Schwejks ungebrochene Lebendigkeit zeugt davon, dass bei militärischen Obrigkeiten noch immer Stumpfsinn und Zynismus blühen, dass die Macht noch immer verlogen und unfähig ist und dass die Menschheit nicht klüger wird.
Aber halt, Rechnungsfeldwebel Wanek fragt Schwejk, wie lange der Krieg wohl dauern wird.
"Fünfzehn Jahre", antwortet Schwejk. "Das ist selbstverständlich, weils schon einmal einen dreißigjährigen Krieg gegeben hat und wir jetzt um die Hälfte gescheiter sind wie früher, also 30 : 2 = 15" (zit. nach Jaroslav Hacek, Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk, Aufbau-Verlag 1979, Bd. 2, S. 338).
Schwejk ändert sich nicht, weil er, wie er feststellt, dafür keine Zeit hat, und außerdem - wozu sich ändern, wenn die Menschheit sich nicht verändert. Er ist ein steter Kommentator aller unserer Unvernünftigkeiten. Seine unerschöpflichen Beispiele gelten nicht nur für Kriegszeiten. Ich erinnere mich, wie Chruschtschow auf einer Allunionstagung von Erfindern den Direktor eines großen Betriebes aus dem Ural belehrte, er müsse das Ministerium, das ZK der Partei und die Gewerkschaften ständig über seine Probleme informieren. Worauf der Direktor erwiderte, dann würde es ihm möglicherweise ergehen wie dem braven Soldaten Schwejk.
Chruschtschow fragte misstrauisch: "Was war mit Ihrem Schwejk?"
"Na ja", sagte der Direktor, "während Schwejk dem Oberleutnant Lukasch Meldung erstattete, dass mit den Koffern alles in Ordnung sei, wurden sie geklaut."
Der Saal lachte. Chruschtschow lief vor Wut rot an. Vorgesetzte mögen es nicht, wenn über die Scherze anderer gelacht wird. Der Direktor blinzelte naiv, "spielte den Schwejk".
Im Krieg, an der Front, hat mir niemand so geholfen wie Josef Schwejk, der nie den Kopf hängen lässt, der alles versteht, der weiß, was Losungen, die Befehle und Forderungen der Heerführer, Heldentum und die Versprechen der Offiziere wirklich wert sind. Lachen ist die beste Medizin gegen Illusionen und das beste Mittel der menschlichen Verständigung.
Pfeife rauchend und mit seinem typischen Spott betrachtet Schwejk all unsere strahlenden Hoffnungen, die auf das neue Jahrhundert gerichtet sind. Er versteht es, allem etwas Komisches abzugewinnen, er ist kein Pessimist, er hat keine Angst vor den Menschen und verdammt sie nicht, und er ist auch kein Optimist. Er lacht über Ängste und über leere Versprechungen. Beim Anblick seines idiotisch ehrlichen, gutmütigen Gesichts begreift man, was für ein amüsantes, süßes Ding das Leben ist.
Aus dem Russischen Ganna-Maria Braungardt
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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