Aufrecht flanieren

von Willi Jasper

Selbstachtung, ja gar Eigenstolz waren ihm nie ein Laster. Wohl aber die Lüge ... Was er sich im Leben zusammengelogen hat - unnötig zu betonen, wie anders hätte sich der Jude Silbermann im Überleben auch bewähren können -, jetzt bedarf er der Lüge nicht mehr: Durch sein Er spricht die Wahrheit seines Ich." So endete vor zehn Jahren die erste Version einer Autobiografie des damals achtzigjährigen Kölner Soziologie-Emeritus. Sie trug den Titel Verwandlungen. Jetzt, pünktlich zu seinem neunzigsten Geburtstag am 11.

August, ist eine Ergänzung gefolgt, die mit Kapiteln wie Werte, Glück, Soziologie, Medienkultur, Kunst, Juden, Freundschaft und Liebe oder Vereinsamung und Alter nach eigener Definition des Autors lebensgeschichtliche Rezitative und Arien versammelt.

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War die erste Autobiografie ein sehr persönlicher Bericht über den Verwandlungskünstler Silbermann, wird jetzt das Jahrhundert der Umbrüche und Tragödien aus der kritisch-analytischen Distanz des Verwandelten gemustert und analysiert. Es war ein Jahrhundert, in dem der aus Deutschland vertriebene und zurückgekehrte Silbermann "die Soziologie" - wie er zu sagen pflegt - "am eigenen Leibe erfahren" hat. Diskriminierung, Verfolgung, Vertreibung und ein dauernder Neuanfang - das waren die Stationen und Existenzformen, die sein Leben und Werk prägten. Niedergeschlagen haben sich diese Erfahrungen in annähernd 60 Buchtiteln, zahllosen Zeitschriftenessays, Rundfunk- und Fernsehbeiträgen über Kultursoziologie, Massenkommunikationsforschung und zuletzt vor allem in Thesen über Entstehung und Wandel sozialer Vorurteile - wie Alle Kreter lügen oder Selbstbild und Fremdbilder der Juden in Deutschland. Als großer Beitrag zur Debatte über "Erinnern und Vergessen" wird demnächst seine kommentierte Befragung der 14- bis 50-Jährigen ("Auschwitz. Nie davon gehört?") erscheinen.

Die Erforschung des Alltäglichen macht ihn unbequem. So wie er mit seinen früheren Umfrageergebnissen über den Grad an latentem und manifestem Antisemitismus der Deutschen für Unruhe sorgte, wird er auch diesmal ganz sicher Thesen präsentieren, die nicht in die Normalisierungslandschaft der Berliner Republik passen werden. Im Schlusssatz des hier besprochenen Lebensberichtes ist die Thematik bereits angekündigt: "Der Mensch darf nicht zum Sündenbock der Gesellschaft werden."

Die deutsche Gesellschaft hält Silbermann für zutiefst provinziell. Unserem Land fehle es an "geistiger Führung", erklärte er 1994 in einem Zeitungsinterview. Diese Meinung sieht er heute mehr denn je bestätigt. Nicht als Sozialwissenschaftler, der Anschauungsmaterial für seine Theorie der Gesellschaft sucht und findet, fügt Silbermann Geschmacksfragen und die Entfremdungsthese zusammen, sondern als Beobachter des Normalbewusstseins.

"Flanieren" bedeutet für ihn, Expeditionen in die Exotik des Alltags zu unternehmen. Als "Alltagssoziologe" musste er sich bis zuletzt gegen den bornierten Standesdünkel etablierter Fachwissenschaftler zur Wehr setzen.

Auch in seiner Auseinandersetzung mit Adorno ging es um mehr als nur um musiksoziologische Fragen. Der 68er-Bewegung an den Universitäten stand Silbermann ebenso misstrauisch gegenüber wie einer "Dialektik der Aufklärung" mit ungewissem Ausgang.

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