Der große blaue Bottich könnte in jedem Keller stehen. Die kleine Metallscheibe, die darin rotiert, ähnelt einer Kreissäge. Und die beiden dünnen Röhren, die in die Achse der Scheibe führen, scheinen einem alten Campingkocher entnommen. Wie Feinmechanik wirkt die Apparatur nicht gerade, die im Untergeschoss des Xerox Palo Alto Research Center (Parc) steht, des berühmten Forschungsinstituts der Kopiererfirma im Silicon Valley. Aber sie produziert extrem kleine Plastikperlen, die eine Hälfte schwarz, die andere weiß.

Mit der Maschine hat Xerox auch gute Chancen, ein Wettrennen zu gewinnen, das derzeit ein Dutzend Firmen weltweit austragen: als erste elektronisches Papier auf den Markt zu bringen - ein Material, das biegsam und billig ist wie Papier, aber doch immer wieder beschrieben werden kann wie ein Computerbildschirm.

Für Nicholas Sheridon ist das freilich nur geschickte PR. Der Parc-Forscher ist davon überzeugt, dass seine Firma das Rennen machen wird. Aber ein bisschen ärgert ihn der scheinbare Vorsprung der Konkurrenz schon. Denn die Idee für elektronisches Papier hatte er bereits 1978. Damals wollten die Xerox-Oberen, dass er sich anderen Dingen widmet. Erst seit ein paar Jahren beschäftigt er sich wieder mit Gyricon, wie er die Technik nennt. Der Name verrät das Prinzip: "Gyro" kommt aus dem Griechischen und steht für rotieren. Sheridons "Papier" ist eine Folie aus transparentem Silikon-Gummi mit Millionen von winzigen, ölgefüllten Hohlräumen, in denen jeweils ein schwarz-weißes Kügelchen steckt. Weil ihre Hälften unterschiedlich stark positiv geladen sind, drehen sie sich wie Kompassnadeln, wenn sie in elektrische Felder geraten.

Werden diese Felder gezielt angelegt, etwa durch ein Netz von kleinen Elektroden, lässt sich ein Bild auf die Folie zaubern: An bestimmten Stellen zeigen die schwarzen Hälften nach oben, an anderen die weißen. Die Kügelchen verharren in ihrer Position, selbst wenn die Felder verschwinden. Elektronisches Papier braucht also nur Strom, wenn es etwas Neues anzeigen soll.

Noch trickreicher ist die Herstellung der Schreibfolie, vor allem die billige und massenhafte Produktion der Kügelchen. Nach mehreren vergeblichen Anläufen erfand Sheridon die Apparatur mit der Metallscheibe: Während diese mit 3000 Umdrehungen pro Minute rotiert, wird geschmolzenes weißes Plastik auf ihre obere Seite und schwarzes auf die untere gepumpt. Die Zentrifugalkraft treibt die beiden Stoffe an den Rand der Scheibe, wo sie sich zu Kügelchen zusammenschließen, die dann wegfliegen und in der Luft trocknen.

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Ebenso erstaunlich ist, wie Sheridon seine Perlen verpackt. Zunächst mischt er sie mit geschmolzenem Silikon-Gummi, durchsichtig wie Fensterglas, und schneidet die getrocknete Mixtur in dünne Folien. Diese lässt er dann in Öl aufquellen. Dabei bilden sich Hohlräume um die Kügelchen, in die das Öl eindringt.