Seit ich 1953 dieses Buch zum ersten Mal las, keucht dessen Stimme in meinem Gedächtnis, wutentbrannt und verzweifelt, voller Sehnsucht nach Liebe und Gemeinschaft und eingeschnürt von Einsamkeit. Es ist die Stimme dieses ausgehenden Jahrhunderts. Ich wüsste keinen autobiografischen "Bericht", der mit dem Georg K. Glasers zu vergleichen ist. Alle Erinnerungen - ob die von Koestler, Silone, Sperber - sprechen allgemeiner und bleiben nicht so entsetzlich bei sich. Glasers Geschichte beginnt mit einem Schlag. Der Leser duckt sich unter den Sätzen. Er macht sich klein wie der Erzähler, beginnt die stammelnde Rohheit für selbstverständlich zu halten und schleppt ein Gefühl von unsinnigem Aufbegehren über mehr als 500 Seiten mit. Vor dem ersten Satz richtet sich der gewalttätige Vater auf. "Er hat acht Kinder in die Welt gesetzt und alles getan, um sie wieder abflatschen zu sehen."

Der Erzähler nennt sich Valtin Haueisen. Er wird in die Welt geprügelt; streunt, ein anarchisches Geschöpf, ein uraltes Kind, wird in Heimen "erzogen", wird ausgenutzt und hat die Kraft, noch in der Hölle Hoffnung zu schöpfen. Es sind die längst verschlissenen Hoffnungen unseres Jahrhunderts. Valtin, der eine lange Jugend sich gegen die Väter wehrte, so brutal wie sie, gegen den leiblichen Vater und gegen die wechselnden Heimerzieher, der als Grundgefühl nichts als den Hass kennt, geht auf die Suche nach einer Zukunft, in der er die Väter verehren, den Freunden, den Kameraden vertrauen kann.

1933 flieht er über das Saarland nach Paris, kehrt jedoch, die Genossen rufen, und die Wut gegen die falschen Väter treibt ihn, zur Saarabstimmung zurück. In keinem der Kapitel wird Valtins Stimme so heiser, so schrill: Der Verrat kommt ihm so nahe, dass er sich seiner Treue nicht mehr sicher sein kann. Er liebt und verliert die Liebe vor lauter Hass und Misstrauen. Wieder entgeht er dem Zugriff Hitlers, verschwindet als Arbeiter in der französischen Industrie, streitet zuerst und schweigt danach, erschöpft von Aufbrüchen und aller Versprechungen überdrüssig. Er verlässt die kommunistische Partei, obwohl Arthur Koestler, der Freund, der erst später auftritt, ihm zuredet, auszuhalten. Valtin hat zu viel aushalten und zu oft herhalten müssen.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg erwirbt er die französische Staatsbürgerschaft. 1939 zieht er als Poilu in den Krieg. Er gerät in Gefangenschaft, lernt einen weiteren Vorhof der Hölle kennen, wobei das Personal genau genommen nicht wechselt - es gelingt ihm zu fliehen. Er wird erneut gefangen genommen, und er wartet darauf, befreit zu werden. "Eine Stunde Schweigen über den Trümmern begann. Fünf Jahre zuvor hatte ich die Grenze der neuen Gewalt von außen nach innen überschritten, als ich gefangen worden war. Aber ich konnte sie nicht mehr von innen nach außen überschreiten, indem ich freigelassen wurde. Denn sie war gewachsen und umfaßte die Erde, heimlich, halb öffentlich oder unverschämt. Ein Leben war zu kurz, um sie zu erreichen. Der Versuch meiner Zeit war beendet." Womit er, der sich ins Leben zurückschrieb, Unrecht hatte. Noch hatte der Versuch kein Ende. Noch herrschten die Ideologen, für Jahrzehnte. Es fragt sich, was uns, die wir vor der Jahrtausendwende auf die verwüstete und große Landschaft dieses Buches zurückschauen, erwartet.

Georg K. Glaser wurde 1910 in Guntersblum am Rhein geboren und starb 1995 in Paris. Er hat sich nach dem Krieg selbstständig gemacht und als Goldschmied gearbeitet. Unter unendlicher Mühe hatte er sich von den Zwängen, den Fesseln seines Jahrhunderts befreit, und sein Buch war ihm dafür ein Zeuge. Seine Zeitgenossen lohnten es ihm nicht. Die Wirkungsgeschichte des Buches ist für uns eine Schande. Bevor es im Original erscheinen konnte, kam es 1951, übersetzt, in Frankreich heraus. Dann, noch im selben Jahr, in einer miserabel edierten zweibändigen Ausgabe in der Schweiz. 1953 folgte eine von den ungezählten Druckfehlern befreite einbändige Edition bei Scherz & Goverts. Als ich 1965 in einer Serie in der Welt der Literatur auf "Vergessene Bücher" hinwies, zählte Geheimnis und Gewalt bereits dazu.

Wir begannen Briefe zu wechseln; er, der Alte, der exemplarische Fremde, schickte mir neue Prosa, "einen kleinen Text: sagen Sie mir gelegentlich, was Sie von der darin angewandten Sprache halten. Sehen Sie: Deutscher bin ich nicht mehr, Franzose kann man nicht werden, so wie man Schuster oder Doktor wird. Meine einzige Heimat ist die deutsche Sprache. So verstehen Sie meine Besorgnis, nicht auch sie zu verlieren." Ich antwortete ihm, dass er, im Gegenteil, uns Jüngeren mit seinem Buch die Sprache der Überlebenden beigebracht habe. 1989 wagte es Stroemfeld/Roter Stern, die erste vollständige Ausgabe seines Lebensbuches herauszubringen. Er hat sich noch darüber freuen können. Mittlerweile ist es wieder vergessen: ein Bericht, der uns unsere (historische) Herkunft erklärt, der uns wappnet gegen das, was uns erwarten könnte.

· Georg K. Glaser:Geheimnis und Gewalt - Ein Bericht. Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 1989; 592 S., 48,- DM