Als die Wehrmacht zwischen 1939 und 1944 fast ganz Europa besetzte, reisten in ihrem Tross alle möglichen Doktoren und Professoren mit, deren Aufgabe es war, die "großgermanische" Weltordnung zu organisieren und zu verwalten. Besonders gefragt waren Juristen und Volkswirte, doch auch Kunstexperten und Archäologen, Volkskundler, Dialektforscher, Geografen und Historiker, kurzum: Geisteswissenschaftler jedweder Couleur, kamen "zum Einsatz", wie es damals hieß, um die eroberten Gebiete zu "pazifizieren" und für die deutsche Kriegsmaschinerie nützlich zu machen. Die Präsenz dieser vielen "Doktoren" in feldgrauer oder schwarzer Uniform, manchmal auch im verdächtigen Zivil der Gestapo, fiel den Menschen in den unterworfenen Gebieten sofort auf. Was war das für ein merkwürdiger "Kreuzzug gegen Bolschewismus und Weltjudentum", an dessen Spitze keine Priester oder Politiker marschierten, sondern Landsknechte, Polizisten und - Akademiker?

Allerdings war das nur der sichtbare Teil die eigentliche Mobilmachung der Wissenschaft fand hinter der Front, im Reichsgebiet, statt, wo allenthalben Gelehrte für den "Endsieg" forschten und publizierten. Naturwissenschaftler und Ingenieure bauten neue Maschinen und Waffen. Geografen entwarfen Karten auf der Basis eigener Forschungen oder von Unterlagen, die Spezialkommandos in den Hauptquartieren des Feindes erbeutet hatten. Soziologen, Anthropologen und Historiker trugen Informationen zusammen, die sie aufgrund jahrelanger Forschungen für "kriegswichtig" hielten: Handreichungen für einen Kampf, der mit allen wissenschaftlich-technischen Mitteln geführt wurde, obwohl seine Ziele ebenso irrational wie unmenschlich waren.

Eine Lebenslüge der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft Nach 1945 wollte niemand mehr darüber reden. Es ist manches Mal behauptet worden, dieses "Beschweigen" sei für den Aufbau der neuen Gesellschaft lebenswichtig gewesen. Doch kann man eine Demokratie auf Lügen errichten? Tatsächlich hat die Aufarbeitung des Nationalsozialismus dann doch stattgefunden, wenn auch nur schrittweise und nicht ganz freiwillig. Immer wieder mussten die Historiker gegen Tabus anrennen. Und hätten die Alliierten die übliche Sperrfrist für staatliche Akten nicht von vornherein aufgehoben, wäre dieser Prozess noch viel langsamer verlaufen.

Eine der Lebenslügen der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft betraf die Rolle der Universitäten und der akademischen Eliten im "Dritten Reich". Bis auf wenige Ausnahmen, so die Legende, hätten sie der "Politisierung" durch die Nazis widerstanden trotz formaler "Gleichschaltung" seien die wissenschaftlichen Methoden und Inhalte "im Kern" erhalten geblieben. Folglich brauchten nach der "Katastrophe", womit das Ende des Krieges und die Befreiung von der Diktatur gemeint waren, nur die Fanatiker entfernt zu werden alle "echten" Wissenschaftler dagegen durften im Amt bleiben oder kehrten im Lauf der fünfziger Jahre auf ihre Lehrstühle zurück. Viele wurden höchst ehrenvoll emeritiert. Kein einziger NS-Professor verlor aufgrund deutscher Gesetze seine Beamtenpension, kein einziger Pseudowissenschaftler seine akademischen Titel.

Dabei musste jedem klar sein, dass derartige Beschwichtigungen nicht haltbar waren. Die bürgerliche Kontinuität ließ sich wiederherstellen, doch das Misstrauen, zumal im Ausland, blieb. Als Indiz dafür mag das jetzt - nicht ganz zufällig - wieder aufgelegte Buch von Max Weinreich gelten: Hitler's Professors. Schon wenige Monate nach dem Zusammenbruch des Naziregimes stellte der nach Amerika emigrierte litauische Historiker das breite Spektrum von Hochschullehrern vor, das den Angriffskrieg und den Mord an den europäischen Juden mitvorbereitet und gerechtfertigt hatte.

Natürlich hat dieses 1946 zunächst auf Jiddisch, dann auf Englisch erschienene Buch heute nur noch dokumentarischen Wert über das Regime, das die geschilderten Figuren hervorbrachte, wissen wir inzwischen unendlich viel mehr, auch fehlen hier noch zahlreiche wichtige Namen. Doch deckte Weinreich als erster ein Problem auf, über das die Forschung seit neuestem wieder intensiv diskutiert, als er schrieb: "Rückblickend wirkt die ganze deutsche Universitätswissenschaft dieser Jahre wie ein gigantisches Fließband, das auf ein Ziel hinarbeitete." Wichtig an diesem Bild ist vor allem das Moment der Arbeitsteilung: Jeder, der bereit war, an diesem Fließband zu stehen, trug zur "Endlösung" bei, auch wenn er sie selbst nie zu sehen bekam und sich stets einbilden konnte, nur ein winziges unpolitisches Schräubchen eingebaut zu haben. Kein Wunder, dass dieses hochbrisante Buch niemals übersetzt wurde. In den frühen Nachkriegsjahren hätte es das Schweigen der Täter und Wissenden gestört, später dann den strukturgeschichtlichen Blick vieler Historiker, die den aktiven Beitrag von Wissenschaftlern und Intellektuellen systematisch unterschätzten.

Erst in den achtziger Jahren - also noch vor dem Fall der Mauer und vor der Öffnung der östlichen Archive, die jetzt die Forschung erleichtern - hat ein spektakulärer Wandel eingesetzt. Die Geschichte der einzelnen Fachdisziplinen und der Universitäten im "Dritten Reich" wird von einer jüngeren Historikergeneration noch einmal aufgerollt, wobei nicht zuletzt die Internationalisierung der Forschung dazu beiträgt, die Bedenken des deutschen akademischen Establishments zu zerstreuen.