Strudelnd schießt die Moldau durch die enge, schräge Rinne neben dem Wehr von Vyssø Brod. "Durchfahrt" nennen Kanuten solche Passagen, wo einst Waldarbeiter die Baumstämme vorsichtig durchs schäumende Wasser flößten. "Links müsst ihr bleiben, immer links", schreit Reiseleiter Jan von seinem Kanu herüber, bevor er die Floßgasse elegant meistert. Ein Kinderspiel für den 20-jährigen Abiturienten, der seit dem neunten Lebensjahr daran gewöhnt ist, in diesen schaukelnden Booten zu sitzen.

Nur "links, links, links!" und nicht ans Steuern denken wir Paddelneulinge, als die Strömung unseren Zweierkanadier namens Scout in die Rinne zerrt. Fast sind wir hindurch, da taucht die Nase des Kanus tief ins Unterwasser. Wir haben die gegenläufige Welle voll in der Mitte erwischt. Oder die Welle uns. Die Moldau schwappt ins Boot und füllt den Kanadier knöcheltief. Schuhe, Jeans und Sweatshirt sind klatschnass. Vom keltischen Wort für "wildes Wasser" leitet sich der Name des Flusses ab. Uns dämmert, warum die anderen Kanuten kurze Hosen und Plastiksandalen tragen und die trockene Kleidung in eine wasserdichte Tonne gehört.

Im Dorf Vyssø Brod, unweit der Grenze zu Österreich, hatten wir uns am Vorabend bei böhmischem Sauerbraten mit Knödeln und reichlich Bier getroffen: fünf deutsche Urlauber und Kanuführer Jan aus Ceské Budejovice. Konsequent benutzt der junge Tscheche die alten deutschen Ortsnamen Budweis und Hohenfurth. Glaubt Jan, wir seien sudetendeutsche Heimwehtouristen, oder traut er uns einfach nicht zu, dass wir die tschechischen Wörter mit den vielen Häkchen und Akzenten korrekt aussprechen können?

Am Startpunkt unserer einwöchigen Kanutour im tschechischen Südböhmen hat die Moldau bereits gut 100 Kilometer zurückgelegt. Als Teplá Vltava, Warme Moldau, entspringt der Fluss im Böhmerwald, der auf Tschechisch gefühlvoll Sumava, "die Rauschende", heißt. Die zweite Quelle, die der Kalten Moldau, liegt knapp hinter der Grenze auf bayerischem Gebiet. Mit sieben großen Staustufen wurde der Oberlauf in den fünfziger und sechziger Jahren zur Stromgewinnung gebändigt. Die Pläne, auch den mittleren Abschnitt unserer Tour mit weiteren sechs Seen zu stauen, wurden zum Glück nicht umgesetzt.

Beim Gehöft Herbertov stellt sich das nächste Moldau-Wehr in den Weg. Diesmal ohne Durchfahrt. Also aussteigen und die Scout an der Leine zur Holzrutsche ziehen. Einer sichert hinten, der andere zerrt das Kanu über die glitschige Schräge, dann klettern wir wieder ins schwankende Boot. Zögernd paddeln wir auf den nahen Wildwasserkanal zu. "Schauen Sie sich zuerst mal an, wie die anderen Kanufahrer durchfahren", rät die Infobroschüre, die uns Jan am Beginn der Tour ausgehändigt hatte. Es hilft nichts. Einen Moment haben wir nicht aufgepasst, und prompt hat sich der Kanadier quer zur Strömung gedreht. Noch nicht eingespielt, geben wir Druck auf die falsche Seite der Stechpaddel und schwenken vollends um. Mit der Spitze nach hinten rauscht die rote Scout steuerlos durch die Wellen und schabt mit dem Kiel über die aufragenden Steine. Irgendwie erreichen wir wieder ruhiges Wasser. "Der Fluss war mit euch", kommentiert Kanuführer Jan grinsend.

Bald wird es auch von oben nass. Der Stopp im Städtchen Rozmberk - Rosenberg - kommt gerade recht. Vor der imposanten Steinbrücke ziehen wir die Kanadier ans Ufer und stapfen schlotternd zum Schloss hinauf. Aus Kanutouristen werden Kulturtouristen. Während wir bibbern, deckt uns die Fremdenführerin mit Informationen ein. Die obere, verfallene Burg, von der nur noch der graue Rundturm existiere, sei Stammsitz derer von Rosenberg gewesen, einem mächtigen Geschlecht, das den böhmischen Königen getrotzt habe.

Der "Gemüseteller für Wassersportler" in der Gaststube am Fluss macht nicht gerade dick. "Kein Problem", meint Kanuexperte Jan. Paddeln habe sowieso nichts mit Muskelkraft zu tun, sondern finde im Kopf statt. "Ihr müsst nicht gegen das Wasser kämpfen, sondern mit ihm gleiten." Zu spät. Abends im Hotel, nach 22,5 Tageskilometern, schmerzt der Oberarm bis ins Schulterblatt. Den Luxus eines Hotels gönnen sich hier nur Ausländer