Mehr ist nicht besser
Tamoxifen, das Wundermittel gegen Brustkrebs, fördert Krebs
Die Hoffnung hat die Seite gewechselt. Auf die lebensrettende Wirkung von Tamoxifen setzten viele Frauen, die an Brustkrebs leiden oder mit erhöhtem Risiko leben, daran zu erkranken. Das Medikament hemmt das krebsfördernde Sexualhormon Östrogen, das in der Hälfte der Fälle verantwortlich ist für die Entstehung der Krankheit. Doch eine neue Studie zeigt: Das "Wundermittel" Tamoxifen kann auch anders. Nach zwei- bis fünfjähriger Einnahme spornt es das Wachstum der Krebszellen sogar an.
Diese Erkenntnisse sind für Frauen, die das Medikament einnehmen, beunruhigend und verwirrend. Konnten wir nicht gerade die Empfehlung lesen, auch gesunden Frauen sollte - zur Vorbeugung - Tamoxifen verschrieben werden?
Tamoxifen ist ein ideales Beispiel dafür, wie sich medizinisches Verständnis weiterentwickelt. Es wurde 1962 ursprünglich als "Pille danach" entwickelt und erfolgreich an Ratten getestet. Bei Menschen dagegen hatte Tamoxifen nicht die erwartete Wirkung. Im Gegenteil: Die Forscher mussten feststellen, dass es wie eine Fruchtbarkeitspille wirkt. Zum Glück kam der britische Arzt Arthur Walpole auf die Idee, Tamoxifen an Frauen mit Brustkrebs zu testen. Es war bekannt, dass viele Krebsarten empfindlich auf Östrogen reagierten. Walpole vermutete deshalb, dass ein Antiöstrogen helfen könnte. Und das tat es tatsächlich. Dann bewiesen die Ärzte, dass es sogar bei Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs wirkte.
Als Ärzte Tamoxifen Anfang der neunziger Jahre häufiger verschrieben, wurden sie erneut überrascht: Sie hatten geglaubt, das "Antiöstrogen" würde die Östrogenproduktion im ganzen Körper blockieren. Tatsächlich stellten sie fest, dass es die Produktion des Hormons in Brust und Gehirn blockierte, sich aber in Knochen, Leber und Gebärmutter wie normales Östrogen verhielt.
Selektive Beeinflussung der Östrogenrezeptoren im Körper hieß nun das Stichwort. Die neue Kategorie von Medikamenten sollte Osteoporose, Herzerkrankungen und Brustkrebs verhindern - nicht aber im Gegenzug Gebärmutterkrebs verursachen. Der erste dieser neu entwickelten Wirkstoffe, Raloxifen, wird gerade klinisch getestet.
Wie aber ist das neue Wissen über Tamoxifen zu nutzen? Die Studie an 13 000 Frauen bewies, dass das Medikament das Brustkrebsrisiko bei gesunden Frauen mit hohem Erkrankungsrisiko um 49 Prozent senkte. Bei Frauen nach der Menopause zeigte die Studie jedoch einen geringen Anstieg von Gebärmutterkrebs nach der Einnahme von Tamoxifen. Und: Die Zahl der Todesfälle durch Lungenembolien nahm zu - zwar nur wenig, aber nachweisbar.
Wichtiger als der deprimierende Teil der Zahlen ist die Beobachtung bei jenen Teilnehmerinnen der Studie, bei denen eine atypische Hyperplasie (Zellveränderungen entlang der Milchkanäle im Vorstadium von Krebs) nachgewiesen wurde: Das Risiko, einen Brustkrebs zu entwickeln, sank bei ihnen um 86 Prozent. Wenn es also gelingen würde, herauszufinden, welche Frauen solche Veränderungen entwickeln, könnte selektiv mit Tamoxifen behandelt werden. Doch bis heute gibt es für Brustkrebs kein Equivalent zum Pap-Test, der Aufschluss über Wucherungen der Gebärmutter geben kann. Forscher arbeiten aber an der Möglichkeit, die Tamoxifen-Therapie zu überwachen. Ziel ist es, den Zeitpunkt festzustellen, an dem die Zellen gegen das Mittel resistent geworden sind - bevor sie Unheil anrichten.
Wieder einmal sind wir enttäuscht worden von dem, was wir als die "Wahrheit" über Krebs erhofft hatten. Eine Wunderpille ist nur für manche Frauen ein echtes Wunder, für andere nicht. Es gibt keine Gewissheit darüber, wer zu welcher Gruppe gehört. Doch je mehr Forschung betrieben und je mehr klinische Untersuchungen angestellt werden, umso besser - egal, wie widersprüchlich die Ergebnisse sein mögen. Die "Wahrheit" werden wir vermutlich nie kennen, aber unsere Hypothesen werden immer besser.
Susan Love ist Chirurgin und Autorin von "Das Brustbuch" (dtv, München 1997)
- Datum 19.08.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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