Am Ende nirgendwo zu Hause
Ignatz Bubis war ein hervorragender Vertreter unserer politischen Klasse. Aber es blieb stets ein Abstand
Das Verhältnis der Deutschen zu den Juden ist vor allem eine Frage nach dem Verhältnis der Deutschen zu sich selbst. Und diese Frage war es, die Ignatz Bubis zeit seines späteren Lebens den Deutschen im Grunde immer wieder gestellt hatte: Wie verhaltet ihr euch zu euch selbst - zu eurer Geschichte, zu eurer Verantwortung, zu eurer Verfassung? Ein Verhältnis zu sich selber kann man nicht gewinnen, wenn man mit sich eins ist. Sondern das ist nur möglich, wenn man dazu fähig ist, zu sich selber (und zu seinen eigenen geschichtlichen und moralischen Voraussetzungen) Stellung - also: Abstand zu nehmen. Abstand zu sich selber - das ist es, was man meint, wenn man von einem reflektierten Verhältnis zu sich selber spricht. Und die Fähigkeit, sich seiner selbst innezuwerden, setzt die Bereitschaft zu Er-innerung voraus. Die Erinnerung daran, wie es dazu kam - und dass es dazu gekommen war.
Wo aber zu laut von Identität die Rede ist, da herrscht der Wunsch vor, mit sich selbst kurzerhand eins zu sein - ohne mühselige Erinnerung, ohne Reflexion und ohne Abstand zu sich selbst; dafür mit umso größerem Abstand zu den anderen. Der Abstand der Deutschen zu sich selber war immer geringer als der Abstand der Deutschen zu den - ja, was denn: den deutschen Juden, den Juden in Deutschland, den jüdischen Mitbürgern? Ignatz Bubis wollte zeigen und leben, dass sich die Differenz in den Abständen überwinden lässt, dass es möglich ist, dieses zu sagen und zu sein: Ich bin ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens - so der Titel eines autobiografischen Buches. Das war er zweifellos - doch der Abstand ist letztlich geblieben. Daran ist er (fast) zerbrochen, vielleicht sogar daran gestorben.
Juden in Deutschland: Die jüdischen Gemeinden in Deutschland vereinigen ungefähr 43 000 Mitglieder; weitere fünf- bis zehntausend Bürger hängen dem jüdischen Glauben an, ohne sich der jüdischen Gemeinde anzuschließen. Juden in Deutschland, deutsche Juden? Die Gemeinden werden vertreten vom "Zentralrat der Juden in Deutschland ". In einem Interview war Bubis einmal gefragt worden, ob er, der Vorsitzende, nicht einmal der Vorsitzende des "Zentralrats der deutschen Juden " werden könnte. Bubis klärte den Fragesteller über eine der makabren Ironien der Geschichte auf: Bis 1935, bis zum Verbot durch die Nazis, hatte einer der Verbände genau so geheißen - Zentralrat der deutschen Juden. Aber dann fing die Ausgrenzung damit an, dass Juden nicht mehr deutsch sein konnten - und sich hinfort als Juden in Deutschland bezeichnen mussten, als Fremdkörper. Nun aber, so Bubis im Jahr 1996, würde eine Rückverwandlung der Firmierung neuerlich als Ausgrenzung funktionieren, und zwar diesmal gegenüber den russischen Immigranten: hier die deutschen, dort die russischen Juden.
Juden in Deutschland, Juden in der Diaspora: Als der israelische Staatspräsident Ezer Weizman bei seinem Staatsbesuch im Januar 1996 sehr prononciert sein Unverständnis dafür bekundete, dass Juden nach der Schoah weiter in Deutschland leben konnten, anstatt nach Israel auszuwandern, widersprach Bubis. Auf das Deutschland von heute bezogen, sei dies eine falsche Auffassung: "Ich lebe in Deutschland nicht als Vertriebener." Aber der Konflikt zwischen Weizman und Bubis ging tiefer: Weizman klagte im Grunde die Juden in der ganzen Diaspora an, wollte sie alle zur Heimkehr verpflichten. Für Bubis hingegen war die Existenz des Staates Israel - welche Dialektik! - geradezu die Bedingung für ein sicheres Leben in der Diaspora und für eine Assimilation.
Aber wollen die Deutschen dieses simile - dieses Einander-gleich-Sein? Es ist eine fast schon zum Kalauer geronnene Anekdote, wie oft Bubis gesagt wurde, der Botschafter seines Landes - nämlich: der israelische - sei eine eindrucksvolle Gestalt. Als Bubis im Herbst 1992, drei Monate nach dem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim, mit einer Delegation des Zentralrates Rostock besuchte, herrschte ihn ein Kommunalpolitiker der dortigen CDU an: "Sie sind deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ihre Heimat ist Israel. Ist das richtig so?" - "Sie wollen mit anderen Worten wissen, was ich hier eigentlich zu suchen habe?" - Der Mann musste zurücktreten und kündigte eine schriftliche Entschuldigung an. Sie ging indessen nie ein.
Ignatz Bubis, der über seine Art von Religiosität eher distanziert sprach ("Gläubige Menschen haben vor dem Tod keine Angst. Aus praktischen Gründen bin ich ein gläubiger Mensch"), hat sein Leben in der Diaspora einmal so beschrieben: "Meine persönlichen Wurzeln liegen in Deutschland, meine religiösen Wurzeln in Israel." Im Grunde müsste denselben Satz auch jeder Deutsche sagen, der sich bewusst als Christ versteht.
In den vielen Nachrufen wurde Ignatz Bubis, der am 13. August im Alter von 72 Jahren starb, zuweilen fast als überlebensgroßer Deutscher geschildert, als Idealgestalt. Noch in der Überhöhung zeigte sich die Unsicherheit im Umgang mit diesem eindrucksvollen deutschen Juden. Doch von welchem Grade an wirkt ein Nachruf hohl? Gewiss gehörte Ignatz Bubis zu den ungewöhnlichen, unverhofften Gestalten der politischen Klasse der Republik - ähnlich wie auf ganz andere Weise seine ehemaligen Kontrahenten aus den Frankfurter Kampftagen nach 1968, wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit. Aber so sind Menschen, deren Größe in ihrer Menschlichkeit begründet liegt, nicht in ihrer Über-Menschlichkeit. Wenn man eines von Ignatz Bubis nie gehört hat, so sind es geschliffene Reden oder geschraubte Phrasen aus dem verbalen Baukasten der Funktionärspolitik. -"Ich bin da ein wenig schizophren: Ich selbst möchte am liebsten alles vergessen und einen Schlussstrich ziehen, erwarte aber von der Gesellschaft, dass sie genau das nicht tut." - "Vergeben kann man nur, was einem selbst passiert ist." - "Wäre die Wehrmacht als Ganzes wirklich so sauber geblieben, wie es der Mythos will, wäre der Mord an den europäischen Juden weitaus weniger perfekt abgelaufen." - "Ich habe im Grunde nichts gegen den Begriff Nation. Ich würde allerdings das Wort Solidargemeinschaft vorziehen." - "Ich habe den Begriff ,Spekulant' nie als Schimpfwort empfunden, nur wenn man gesagt hat, dass das ,jüdische Spekulantentum' wieder am Werk sei, habe ich mich gewehrt."
- Datum 19.08.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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