Kronprinz auf Zeit

Wladimir Putin ist Russlands neuer Ministerpräsident und Boris Jelzins designierter Nachfolger. Aber wie lange?

Ein pensionierter Sowjetspion bemerkte einmal, sein ehemaliger Beruf habe ihm erlaubt, seine schlechtesten Charakterzüge legal für das Wohl des Staates einzusetzen. Wladimir Putin, sein Kollege im Range eines Oberst der Reserve, würde das von sich nicht behaupten. Fragt man Menschen, die Putin kennen, hört man nur Lob. Anatolij Sobtschak, einst Bürgermeister von St. Petersburg, derzeit Freischaffender mit Mobiltelefon, wundert sich nicht, dass Wladimir Putin vom Geheimdienstchef zum Ministerpräsidenten befördert wurde: "Ein wirklicher Professioneller! Er arbeitet ruhig, überlegt, ohne Hektik und frei von überflüssigen Emotionen."

Diese Eigenschaften werden gefragt sein im aufgewühlten russischen Herbst. Der Karriere-Agent Putin, als Premier auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Laufbahn, trifft fast täglich den Präsidenten, Duma-Deputierte, Gouverneure, am Montag wurde er vom Parlament gewählt. Nebenbei musste der 47-Jährige vor wenigen Tagen seinen Vater beerdigen. "Ich bin Militär", sagt er zu seiner Ernennung, "und führe Befehle aus." Er sitzt zur Rechten seines Gebieters Jelzin, den Kopf ihm zugeneigt, die Hände ineinander verklemmt. Der Präsident lächelt noch, wie er es in der ersten Amtswoche seiner Premiers zu tun pflegt.

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In Dagestan kämpfen Truppen des Innenministeriums und der Streitkräfte gegen islamistische Krieger aus Tschetschenien. Ihr Anführer Schamil Bassajew will einen islamischen Staat am Kaukasus gründen. Russland droht die Wiederauflage eines langen, verlustreichen Krieges, wie 1994 bis 1996 in Tschetschenien. Zugleich gerät die Souveränität über seine Südflanke zwischen dem Schwarzen Meer und dem Kaspischen Meer in Gefahr. Putin soll es nun richten. Er hat versprochen, innerhalb von zwei Wochen für Ruhe zu sorgen. Dies dürfte sein erster großer Irrtum sein.

In Russland soll am 19. Dezember ein neues Parlament gewählt werden. Der Lieblingsfeind des Kreml, Moskaus Bürgermeister Jurij Lushkow, hat eine formidable Allianz zusammengeschweißt, an deren Spitze der Exministerpräsident Jewgenij Primakow steht. Noch vor den bei Oma und Opa nach wie vor beliebten Kommunisten kann Lushkows Koalition auf die meisten Stimmen hoffen. Eine Kreml-Partei jedoch fehlt. Wladimir Putin soll in den russischen Regionen Störmanöver gegen Lushkow organisieren. Schon 1998 war er als Kreml-Gesandter in den Provinzen unterwegs. Nun soll er dort mit praller Reisekasse die letzten Mohikaner für Jelzin mobilisieren.

Im Kreml sucht die "Familie" derweil haareraufend nach einem Nachfolger für den Patriarchen. Putin wurde von Jelzin vorige Woche zum Kronprinzen gesalbt. Manche in Moskau halten die Salbe für politisch todbringend, andere für nutzlos; denn nach der Verfassung wird der neue Präsident eben nicht von Jelzin, sondern vom Volk gewählt. Putin, der Trockene, muss nun bei den Massen populär werden, aber unauffällig, sonst wird Jelzin eifersüchtig und enterbt ihn.

Schon Jelzins letzte drei Premiers waren Spione

Drei fast unerfüllbare Missionen. Doch für Putin spricht, was sein einstiger Chef und Lehrer Anatolij Sobtschak im Gespräch sagt: "Er ist knochenhart und setzt Entscheidungen konsequent bis zum Ende durch." Geradlinig ist auch die Karriere des Hobbyringers. Bei Sobtschak studiert Putin an der Leningrader Staatsuniversität Zivil- und Verwaltungsrecht. Nach dem Jurastudium lässt er sich vom KGB anwerben und wird 1984 in die DDR entsandt. Bei der Westgruppe der Sowjetstreitkräfte ist er sechs Jahre lang von Dresden aus als Späher im Einsatz. Dort lernt er sein fließendes Deutsch. Damit kann er nach 1991 in Hamburg glänzen, wo er mehrfach als Stellvertreter des Petersburger Bürgermeisters Sobtschak auftritt. Seine beiden Töchter gehen in Moskau auf die deutsche Schule.

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