Sicher ist nur das Risiko
Sie wollen Millionenkredite und bieten nicht mehr als eine Idee. Firmengründer finden neuerdings Wagniskapital und verändern Deutschlands Wirtschaft
Wachstumsbranche", "Marketingstrategie", "Millionengeschäft" - auf jedes Reizwort folgt ein Handkantenschlag durch die Luft. Stundenlang kann Michael Muth so reden, Märkte analysieren und sich für Ideen begeistern - am liebsten für seine eigenen. Einen wie Muth präsentieren die Karrieremagazine gern, einen Vorzeigeunternehmer mit blitzenden Augen, markantem Kinn und hochgebürstetem Haar. "Wir müssen in den Schlagzeilen bleiben", sagt der 39-Jährige, und als habe er den Anruf bestellt, klingelt kurz darauf das Telefon. Das Fernsehen wolle ein Porträt drehen, über ihn, Michael Muth.
Sein Kompagnon Bernd Schulz grinst. Der 34-Jährige ist der Bedächtige, Muth der Mann mit Außenwirkung - die Rollen sind verteilt. Bis vor gut zwei Jahren arbeiteten die beiden Ingenieure gemeinsam an der Technischen Universität München ihrem Professor zu, dann wurden sie Unternehmer. Mit großen Plänen: bald ein neues Büro, dann der Sprung auf den amerikanischen Markt, vielleicht "Weltmarktführer". "Und irgendwann", sagt Michael Muth mit großer Geste, "steht oben an dem Haus groß in Leuchtschrift AeroLas." Wenn 100 Millionen Mark Umsatz erreicht seien. "100?", unterbricht Schulz seinen Partner. "Sagen wir 30." Okay, auch gut.
Die AeroLas-Gründer sind Prototypen einer neuen Ära: des Aufbruchs in die Risikoökonomie. Es geht um schnelles Geld auf schnellen Märkten. Um die Chance auf steilen Aufstieg - und die Gefahr, tief abzustürzen. Eine neue Kapitalismuskultur breitet sich in Deutschland aus. Sie ist lauter, bunter, schriller. Die Protagonisten sind keine gediegenen, verschwiegenen Herren in grauen Anzügen, sondern Showstars. Sie müssen die Medien, die Kunden, die Geldgeber, die Analysten nicht nur überzeugen, sondern auch unterhalten. Außer sich selbst und ihrer Idee haben sie in der Startphase wenig vorzuweisen - kein Produkt, Gewinne schon gar nicht. Dafür Schulden.
Früher galt in Deutschland als guter Unternehmer, wer sparsam wirtschaftete, wer Gewinne wieder investierte, gelegentlich einen Bankkredit aufnahm und so allmählich seine Firma ausbaute. Doch in den Branchen der Zukunft - Biotechnologie, Multimedia, Lasertechnik - kommt man mit den Regeln der Nähre-dich-redlich-Ökonomie nicht weit. Die technische Entwicklung eilt atemberaubend voran, und die Konkurrenz ist global. Wer sein Produkt nur ein wenig zu spät auf den Markt bringt, wer nicht die besten Leute einstellen kann, ist raus, bevor es losgeht.
Risikokapital oder - die Szene mag es gern englisch - Venture-Capital (VC) ist eine Art Vorfinanzierung. Die Geldgeber drücken Gründern Millionenbeträge in die Hand, damit sie ihre Ideen verwirklichen können. Haben sie Erfolg, steigt der Unternehmenswert explosionsartig. Schmieren sie ab, ist das Geld weg.
Bis vor einiger Zeit war die Bundesrepublik eine VC-Wüste. Während in den Vereinigten Staaten Pioniere wie Microsoft-Gründer Bill Gates aus Hinterhofklitschen Weltkonzerne schmiedeten, hatten junge Unternehmen in Deutschland kaum Chancen, rasch zu wachsen: Keine Bank war bereit, ihnen das nötige Kapital zu leihen.
Allerdings mangelte es auch an Risikolust. Solange die meisten jungen Ingenieure, Naturwissenschaftler und Betriebswirte Aussichten auf eine Karriere bei einem Konzern oder beim Staat hatten, war es wenig attraktiv, sich den Unwägbarkeiten der Selbstständigkeit auszusetzen. Heute sind attraktive Jobs bei den traditionellen Arbeitgebern Mangelware, und junge Akademiker lernen in so genannten Business-Plan-Wettbewerben, ihre Ideen in Firmen zu verwandeln. Überall in Deutschland, auf Gründermessen und Kapitalbörsen für Selbstständige, treffen Jungunternehmer auf Investoren.
- Datum 19.08.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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