Sicher ist nur das Risiko
Sie wollen Millionenkredite und bieten nicht mehr als eine Idee. Firmengründer finden neuerdings Wagniskapital und verändern Deutschlands Wirtschaft
Wachstumsbranche", "Marketingstrategie", "Millionengeschäft" - auf jedes Reizwort folgt ein Handkantenschlag durch die Luft. Stundenlang kann Michael Muth so reden, Märkte analysieren und sich für Ideen begeistern - am liebsten für seine eigenen. Einen wie Muth präsentieren die Karrieremagazine gern, einen Vorzeigeunternehmer mit blitzenden Augen, markantem Kinn und hochgebürstetem Haar. "Wir müssen in den Schlagzeilen bleiben", sagt der 39-Jährige, und als habe er den Anruf bestellt, klingelt kurz darauf das Telefon. Das Fernsehen wolle ein Porträt drehen, über ihn, Michael Muth.
Sein Kompagnon Bernd Schulz grinst. Der 34-Jährige ist der Bedächtige, Muth der Mann mit Außenwirkung - die Rollen sind verteilt. Bis vor gut zwei Jahren arbeiteten die beiden Ingenieure gemeinsam an der Technischen Universität München ihrem Professor zu, dann wurden sie Unternehmer. Mit großen Plänen: bald ein neues Büro, dann der Sprung auf den amerikanischen Markt, vielleicht "Weltmarktführer". "Und irgendwann", sagt Michael Muth mit großer Geste, "steht oben an dem Haus groß in Leuchtschrift AeroLas." Wenn 100 Millionen Mark Umsatz erreicht seien. "100?", unterbricht Schulz seinen Partner. "Sagen wir 30." Okay, auch gut.
Die AeroLas-Gründer sind Prototypen einer neuen Ära: des Aufbruchs in die Risikoökonomie. Es geht um schnelles Geld auf schnellen Märkten. Um die Chance auf steilen Aufstieg - und die Gefahr, tief abzustürzen. Eine neue Kapitalismuskultur breitet sich in Deutschland aus. Sie ist lauter, bunter, schriller. Die Protagonisten sind keine gediegenen, verschwiegenen Herren in grauen Anzügen, sondern Showstars. Sie müssen die Medien, die Kunden, die Geldgeber, die Analysten nicht nur überzeugen, sondern auch unterhalten. Außer sich selbst und ihrer Idee haben sie in der Startphase wenig vorzuweisen - kein Produkt, Gewinne schon gar nicht. Dafür Schulden.
Früher galt in Deutschland als guter Unternehmer, wer sparsam wirtschaftete, wer Gewinne wieder investierte, gelegentlich einen Bankkredit aufnahm und so allmählich seine Firma ausbaute. Doch in den Branchen der Zukunft - Biotechnologie, Multimedia, Lasertechnik - kommt man mit den Regeln der Nähre-dich-redlich-Ökonomie nicht weit. Die technische Entwicklung eilt atemberaubend voran, und die Konkurrenz ist global. Wer sein Produkt nur ein wenig zu spät auf den Markt bringt, wer nicht die besten Leute einstellen kann, ist raus, bevor es losgeht.
Risikokapital oder - die Szene mag es gern englisch - Venture-Capital (VC) ist eine Art Vorfinanzierung. Die Geldgeber drücken Gründern Millionenbeträge in die Hand, damit sie ihre Ideen verwirklichen können. Haben sie Erfolg, steigt der Unternehmenswert explosionsartig. Schmieren sie ab, ist das Geld weg.
Bis vor einiger Zeit war die Bundesrepublik eine VC-Wüste. Während in den Vereinigten Staaten Pioniere wie Microsoft-Gründer Bill Gates aus Hinterhofklitschen Weltkonzerne schmiedeten, hatten junge Unternehmen in Deutschland kaum Chancen, rasch zu wachsen: Keine Bank war bereit, ihnen das nötige Kapital zu leihen.
Allerdings mangelte es auch an Risikolust. Solange die meisten jungen Ingenieure, Naturwissenschaftler und Betriebswirte Aussichten auf eine Karriere bei einem Konzern oder beim Staat hatten, war es wenig attraktiv, sich den Unwägbarkeiten der Selbstständigkeit auszusetzen. Heute sind attraktive Jobs bei den traditionellen Arbeitgebern Mangelware, und junge Akademiker lernen in so genannten Business-Plan-Wettbewerben, ihre Ideen in Firmen zu verwandeln. Überall in Deutschland, auf Gründermessen und Kapitalbörsen für Selbstständige, treffen Jungunternehmer auf Investoren.
Solche Erfolgsgeschichten locken frisches Geld an. Internationale Risikokapitalanleger haben Deutschland für sich entdeckt. "Nachdem die Szene in den USA ziemlich abgegrast ist, drängen die Amerikaner jetzt herein", sagt Erich Staudt, Leiter des Instituts für angewandte Innovationsforschung an der Universität Bochum. Knapp acht Milliarden Mark Beteiligungskapital steckten bereits voriges Jahr in Unternehmen. Die Gründer sollen der Motor für Innovationen sein. "Ohne solche Firmen keine neuen Technologien", sagt Ernst Mayer, Geschäftsführer der bundeseigenen Technologie-Beteiligungs-Gesellschaft (tbg), die staatliche Gelder zuschießt, "die risikofinanzierten Unternehmen sollen den Strukturwandel vorantreiben."
Wenn also Venture-Capital ein Schlüssel zur Prosperität ist, warum geht es dann erst jetzt richtig los in Deutschland? Es genügt nicht, ein paar Jungunternehmer und ein paar Geldgeber zusammenzubringen. VC - oder "Wie-Cie", wie es die Szene am liebsten ausspricht - braucht eine Ballung verschiedener Akteure auf engem Raum:
- Venture-Capital-Gesellschaften - auf Wachstumsbranchen spezialisierte Investmentfonds -, die junge Unternehmen mit Risikokapital versorgen und sie in den ersten Jahren betreuen;
- Business-Angels - erfolgreiche, wohlhabende Unternehmer, die eine Art Patenschaft für Gründer übernehmen und sie mit Geld und vor allem mit Rat unterstützen;
- technisch-naturwissenschaftlich ausgerichtete Universitäten und Forschungseinrichtungen, die ständig hoch qualifizierte Absolventen ausstoßen;
- etablierte Industriekonzerne, die sich darauf einlassen, mit den jungen Unternehmen zu kooperieren;
- eine Börse für junge Technologieunternehmen wie den Neuen Markt in Frankfurt am Main oder die New Yorker NASDAQ;
- eine Politik, die Forschern und Unternehmern den Weg bereitet, sich zu entfalten.
Nur wenn sich all diese Ingredienzen vermischen, kann der VC-Kreislauf funktionieren. So war es im kalifornischen Silicon Valley (siehe auch Kurzer Draht ins Weiße Haus auf Seite 13). So war es entlang der Route 128 rund um Boston, nun entsteht etwas Ähnliches im Raum München. Hier ergänzen sich Technologie und Trachtenjacke wie Champagner und Crème de Cassis in einem Kir royal.
Früher als andere Bundesländer hat die Regierung des Freistaats auf den technischen Fortschritt gesetzt. "Hier können Sie heute Genehmigungen schneller bekommen als in Amerika, manchmal innerhalb von zehn Tagen", sagt ein Rechtsanwalt aus der VC-Szene.
Alle sechs Wochen trifft sich die Münchner Risikogemeinschaft bei Brezn, Weißbier und Schweinshaxen. Mittwoch Mittag, 12.15 Uhr, in der Großen Opernstube des Spatens. An den Wänden Spielpläne mit Szenen aus Opernaufführungen, gegenüber ein leidender Christus am Kreuz. Die versammelten 80 Herren und vier Damen haben dafür keinen Blick. Die einen brauchen Geld, die anderen haben es zu vergeben. Drum herum tummeln sich viele, die hoffen, dass auch für sie ein Geschäft abfällt. Am Stammtisch des Venture Capital Club hocken ein paar junge Gründer, Venture-Capitalists, Anwälte, Steuerberater, Banker, PR-Leute.
Einer preist die Gewinnaussichten von Fernsehproduktionen, er möchte einen Fonds auflegen. Andere entwickeln Software. Klaus Bernsteins Branche sind Unterhosen oder, feiner ausgedrückt, "Lingerie". So steht es auf seiner Visitenkarte. Das Konzept: Seine Unterwäsche wird passgenau ins Haus geliefert. Unterhosen on demand per Internet.
Alle werden angehört, kaum eine Idee wird vorschnell abgetan - es könnte sich ja um ein Geschäft mit Zukunft handeln. "Hier werden viele Deals angebahnt", sagt der Anwalt Christoph von Einem, der den Club organisiert. Der gebürtige Bremer kümmert sich seit sechs Jahren um die rechtliche Absicherung von VC-Finanzierungen. Eigentlich, sagt er, müssten sie längst einen größeren Saal reservieren. Früher kamen im Höchstfall 25 Leute. Jetzt reichen die Tische kaum aus. Damit alle Platz finden, schleppen die Kellner weitere Stühle herein und drängen grantelnd zur Bestellung. "Was möchten S' denn habm?" Schnell muss es gehen.
Offenbar wirkt diese Mischung aus altbayerischer Gemütlichkeit und High-Tech anziehend. Auf keinen Fall, sagt Tom Geimer, ein amerikanischer Venture-Capitalist, dürfe man die weichen Standortvorteile des Bavarian Way of Life unterschätzen: "tolles Wetter, viele Biergärten, viele Cabrios". Dank der hohen Lebensqualität sei es nicht so schwierig, von überall einflussreiche Partner anzulocken. "Work hard - party hard". Geimer liebt diese Formeln, kleine englische Merksätze wie aus dem Managementlehrbuch. Ansonsten spricht der 40Jährige hervorragend Deutsch, was daran liegt, dass er früher in Hannover Tiermedizin studiert und dann bei einem deutschen Pharmaunternehmen gearbeitet hat.
Bevor er 1997 nach München wechselte, arbeitete Geimer als Experte für Unternehmensfinanzierung in Manchester und wollte eigentlich gar nicht von dort weg. Doch dann erhielt er ein lukratives Angebot: In München sollte er als Venture-Capitalist für die internationale Beteiligungsgesellschaft Apax junge Biotechnologieunternehmen ausfindig machen, in die es sich lohne Geld zu investieren.
Damals starrte die deutsche Investmentszene gebannt auf den Neuen Markt. Man ahnte, dass diese frisch eröffnete Technologiebörse einen Risikokapitalboom auslösen könnte. Erstmals konnte man in Deutschland junge Unternehmen an die Börse bringen und dabei ihre Anteile mit satten Renditen verkaufen. Nur wusste kaum jemand, wie man ein Unternehmen dort platziert. Der Amerikaner Tom Geimer wusste es.
Venture-Capitalists wie er sind Mittler zwischen Technologie und Anlegern, sind sowohl Wissenschaftler als auch Geschäftsleute. Deshalb können sie die Erfolgsaussichten von Geschäftsideen in den Hochtechnologiebranchen beurteilen. Sie entdecken Unternehmen, in die Risikokapitalfonds Geld stecken. Die Fonds wiederum verwalten Mittel von Investoren, die ertragreiche Anlagemöglichkeiten suchen, meist sind es Banken, Versicherungen, Großunternehmen, gelegentlich reiche Privatleute. Fünf Millionen Mark Mindesteinsatz sind keine Seltenheit. Ihr Ziel: gewaltige Renditen, deutlich höhere, als Aktien, Anleihen oder Immobilien abwerfen.
"Wirklich gute Unternehmen", sagt Risikokapitalist Geimer, "kommen nicht von alleine auf einen zu, die besten Deals erreichen uns über das Netzwerk." Man trifft sich hier auf einer Party, dort bei einem Vortrag. Die Szene ist klein, sie tauscht sich aus in einem Dauerdiskurs. Was hältst du von X? Wer steigt bei Y ein? Woran forscht Z?
Leider - und das ist das Risiko am Risikokapital - wird aus den meisten Firmen nichts. Vier von fünf, so lautet eine Faustregel der Branche, dümpeln vor sich hin oder gehen gleich ein. Die wenigen Senkrechtstarter mit ihren Traumrenditen müssen die vielen Fehlzünder mittragen, damit am Ende eine ordentliche Rendite herauskommt.
Wie aber erkennt ein Risikokapitalist einen so genannten High Flyer, der an der Börse raketengleich abhebt? Schließlich hat er nicht viel mehr vor sich als einen jungen Mann - Gründerinnen sind extrem selten - mit einem dürren Business-Plan in der Hand, der vollmundig verspricht, sein Unternehmen werde in fünf Jahren einen Wert von vielleicht 50 Millionen Mark haben, mindestens. Dafür will er einen Anschub von fünf oder zehn oder fünfzehn Millionen Mark.
"We back jockeys, not horses", sagt Tom Geimer. Wieder so ein Merksatz. Soll heißen: Wir unterstützen Unternehmer, nicht Unternehmen. Entscheidend sei, dass der Gründer diese Siegeraura ausstrahlen kann. Und wenn die Rechnung nicht aufgeht? "Cut your losses", sagt Geimer - begrenze deine Verluste. "Recognize that it doesn't work and get out quickly" - erkenne, dass es nicht funktioniert, und steig schnell aus.
So kommt es, dass beide Seiten ein spannungsgeladenes Verhältnis verbindet: Die Venture-Capitalists fordern möglichst hohe Renditen, die Gründer wollen ihre Träume verwirklichen und ihr Unternehmen gedeihen sehen. Die Risikokapitalisten wollen einen möglichst großen Anteil an der Firma übernehmen, die Gründer möchten ihr Baby am liebsten für sich behalten. Doch beide brauchen einander.
Der VC ist Partner, Ratgeber und Tyrann. Er macht dem Gründer enge Zielvorgaben, setzt ihm Termine (milestones), zu denen ein Patent angemeldet oder ein Finanzvorstand eingestellt sein muss. "Wer gerade zehn Millionen Mark eingesammelt hat, hebt leicht etwas ab", sagt Geimer. "Der denkt, das ist sein Geld, und damit kann er machen, was er will. Dabei ist es immer noch das Geld unserer Anleger."
Die Gründer stehen ständig unter Druck. "Wenn wir schnell sind, dann sagen sie: noch schneller", erzählt AeroLas-Gründer Michael Muth, "wenn wir noch schneller sind, dann sagen sie: superschnell." Doch zugleich ist der VC unentbehrlich, weil er Türen zur Industrie öffnet, weitere private und staatliche Kapitalgeber ins Unternehmen holt. Aber möglicherweise ist er eben auch derjenige, der eines Tages die Geldversorgung stoppt und sich fürs Mitspielen bedankt. "Die VCs denken vor allem an ihren Profit", meint Muth, "wenn es sich rechnet, verkaufen sie dich auch an die Konkurrenz." Oder sie machen den ganzen Laden dicht.
Doch von Bankrott spricht niemand in der Szene. Lieber von der Börse. Dahin will auch Michael Westphal mit seiner Firma. Marktführer für Fernsehen im Internet will er werden - in einem Markt, den es noch gar nicht gibt. "Das ist die Revolution." Westphal hat die Website seiner Firma Netlantic auf die Wand seines Büros projiziert und zappt durch die Bilder. Eine Rakete startet in den Himmel, Betrunkene schunkeln, der FDP-Vorsitzende hält eine Rede. Mit der neuen Technik könne jeder Computerbesitzer seinen eigenen Fernsehkanal betreiben, weltweit und zu minimalen Kosten. Michael Westphals Firma will die Technik liefern.
Noch verursacht die Vision allerdings Augenschmerzen. Die Personen auf dem Schirm bewegen sich eckig wie Roboter. Ein trüber Schleier liegt über der Szene. Die Leitungen können nicht genug Daten übertragen. "Das sind Anfangsschwierigkeiten", wiegelt Westphal ab. Als das Radio erfunden wurde, habe es anfangs auch geknackt. Geniale Erfindung oder Spinnerei? Gerade in der schnellen Welt des Internet gerät jede Voraussage zur Spekulation. Was heute amateurhaft und unverkäuflich erscheint, kann im nächsten Jahr schon professionell aussehen und zum Renner werden.
Westphal und sein Partner sind von ihrer Idee so überzeugt, dass sie ihre Jobs kündigten und alles Ersparte in ihre Firma gesteckt haben. Ein Jahr lang saßen sie in einem 15Quadratmeter-Zimmer, das ein Verwandter ihnen gestellt hatte, bis sie sich eigene Büros in der Nähe des Münchner Flughafens leisten konnten. Westphals Partner könnte als angestellter Programmierer 12 000 Mark im Monat verdienen. Aber "bei Siemens arbeiten und mir von Vorgesetzten erzählen lassen, was ich machen soll?" Niemals. Lieber habe er seinen "persönlichen Lebensbedarf auf ein Minimum reduziert", sagt er.
Freizeit? Wochenende? Urlaub? Das ist etwas für Verlierer, meinen viele Jungunternehmer. "Das ist wie in der Liebe", sagt Christian Schneider, "sie brauchen die Anfangseuphorie, die sie über die späteren Schwierigkeiten hinwegsehen lässt." Der 50-Jährige hat selbst einmal ein Unternehmen gegründet: einen Anbieter von Telefonsoftware. 1983, in der Zeit vor der Risikoökonomie, blieb Gründern, die Geld suchten, nur der Weg zur Bank. Dort hieß es: Haben Sie Sicherheiten? Ein Haus? Zur Not auch das der Oma? "Goldene Zeiten heute", sagt er. Vor zwei Jahren stieg Schneider aus, sitzt nur noch im Aufsichtsrat seiner Firma und spielt ansonsten Business-Angel: Er investiert Geld in ganz junge Unternehmen - zarte Pflänzchen, die noch in der "Seed-Phase" ( seed = Samen) stecken, einem Stadium, da noch kein Risikokapitalist bereit ist einzusteigen.
Acht Firmen hat Schneider unter seine Fittiche genommen - alle aus München und Umgebung. Nicht nur Geld investiert er, vor allem steht er ihnen mit Rat zur Seite, hilft beim Schreiben von Business-Plänen oder beim Anheuern von Personal. Noch wichtiger ist die Glaubwürdigkeit, die Schneider seinen jungen Partnern borgt. Dass ein bekannter Unternehmer wie er die Newcomer unterstützt, flößt potenziellen Geldgebern Vertrauen ein.
Business-Angels haben, was Gründern fehlt: Kapital, Zeit und Erfahrung. Die Entwicklungshilfe verspricht den Kitzel des Neuen und, wenn alles gut geht, eine Beteiligung am emporschießenden Unternehmenswert. In den Vereinigten Staaten soll es 250 000 vermögende Privatleute geben, die jedes Jahr bis zu 20 Milliarden Mark Risikokapital in erfolgversprechende Jungunternehmen stecken, weit mehr als die großen amerikanischen VC-Fonds. In Deutschland entsteht erst allmählich ein Markt für geschäftstüchtige Engel. Allerdings gibt es offenbar eine Menge Leute, die eine halbe Million Mark übrig haben und das Geld in eine Firma stecken wollen. Derartige Angebote hat Peter Heinrich, Chef der Bio-Tech-Firma MediGene, schon viele erhalten. Doch solches "stupid money", sagt Heinrich, interessiere ihn nicht. "Für uns sind diese Leute wertlos - sie bringen nichts mit, kein Know-how, keine Kontakte. Geld allein hilft uns nicht weiter." Deren Kalkül sei durchsichtig: Sie wollten jetzt günstig Aktien kaufen, bevor MediGene in den kommenden Jahren an die Börse gehen will - und die Papiere dann schnell wieder abstoßen, wenn der Kurs in die Höhe geschossen sei.
Auf solche Spekulanten sei er glücklicherweise nicht angewiesen, sagt Heinrich. Vorigen Sommer, bei der dritten und letzten Finanzierungsrunde vor dem geplanten Börsengang, veranstaltete er sogar eine Ausschreibung: Die Investoren konnten sich bei MediGene bewerben, nicht umgekehrt. Heinrich wählte die besten aus, darunter die Deutsche und die Dresdner Bank - auch die alteingesessenen Geldhäuser wagen sich allmählich auf das VC-Terrain. 46 Millionen Mark Risikokapital sammelte MediGene ein, so viel wie kaum jemand zuvor in Deutschland.
Für Peter Heinrich ist MediGene ein Anschauungsobjekt, zur Nachahmung empfohlen. Als er die Firma 1994 mit seinem ehemaligen Professor Ernst-Ludwig Winnacker - heute Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) - gründete, waren sie noch Sonderlinge. In Martinsried, einem Dorf im Schatten der Großstadt, gab es zwar die Max-Planck-Institute (MPI) für Biochemie und Psychiatrie und auch das riesige Uni-Klinikum Großhadern mit den naturwissenschaftlich-medizinischen Instituten der Universität. Doch es war eben nur ein Campus, auf dem hochkarätige staatliche Forschung stattfand - wirtschaftlich ziemlich uninteressant.
Mit MediGene wollten die Gründer zeigen, dass man auch in Deutschland mit Biotechnologie Geld verdienen kann. Peter Heinrich, damals 37 Jahre alt, hatte festgestellt, dass er bei Wacker-Chemie nicht weiterkam. Seine Vorgesetzten hielten ihn für einen klugen Kopf, der am liebsten im weißen Kittel durch die Labors laufe. Dass er sich einmal zum Unternehmer entwickeln würde, habe ihm niemand zugetraut.
Die 60 Leute, die MediGene heute beschäftigt, basteln an künstlichen Viren, die eine Art Impfung gegen bislang unheilbare Krankheiten wie Gebärmutterhalskrebs oder Hautkrebs bewirken sollen. Solche Medikamente zu entwickeln ist langwierig, teuer und höchst unsicher. Über fünf, sechs Jahre pumpen die Risikokapitalisten Geld in die Firmen - MediGene kostet derzeit zwölf Millionen Mark pro Jahr. Im VC-Jargon heißt das "burn rate" - Verbrennungsrate. Kommt am Ende ein verwertbares Medikament heraus, schnellt der Unternehmenswert auf Hunderte Millionen Mark nach oben, und die Geldgeber kassieren beim Börsengang ab.
Martinsried boomt, es ist das Herz des deutschen Bio-Tech-Aufschwungs. "Pausenlos", sagt die Bürgermeisterin, werde gebaut. "Andauernd kommt jemand her und will noch ein Grundstück." Neben dem Max-Planck-Institut ist ein Gründerzentrum entstanden, in das junge Wissenschaftler wechseln können, wenn sie eine Firma gründen. Die Warteliste ist lang. Neuerdings siedeln sich auch Ableger internationaler Großkonzerne an, um ja keine Neuerung zu verpassen. Denn die etablierten Industrieunternehmen tun sich schwer, neue Produkte und Produktionsweisen zu erfinden. Sie sind zu träge, zu bürokratisch. Die wendigen Neulinge dienen den Konzernen als ausgelagerte Forschungsabteilungen.
Einer der ersten Großen, die in Martinsried heimisch wurden, war Hoechst Marion Roussel (HMR). Der Pharmamulti hat dort ein Zentrum für angewandte Genomforschung. "Neben unserer eigenen Forschung", sagt die stellvertretende Leiterin, wolle sie erfahren, "was so läuft in der Szene. Wir sind so was wie Scouts für technologische Entwicklungen. Es gibt hier nur ein italienisches Restaurant und die Kantine im Max-Planck-Institut, da läuft man sich ständig über den Weg."
Der Erfolg von Martinsried fußt auf einer klugen Forschungspolitik. Der Campus aus staatlichen Instituten hat den Boden für den Boom bereitet. Heikel ist die Rolle des Staates in anderer Hinsicht: Der deutsche Weg in die Risikoökonomie ist mit Subventionen gepflastert. In breiten Strömen ergießen sich Fördermittel über die Tüchtigen. "Soft money" nennt das die Szene. Die bundeseigenen Förderinstitute tbg und Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) geben Geld, aus den Töpfen der Bundesländer wird es aufgestockt.
Bei jungen Unternehmen addieren sich diese Mittel: Bis zu drei Vierteln des Kapitals kommen als stille Beteiligungen aus den Kassen des Staates. Die Förderinstitute vertrauen dem Urteil der Venture-Capitalists. Weil der Staat einen Großteil des Risikos trägt, warnen Insider, könnten die üppigen Subventionen den Leichtsinn bei privaten Kapitalgebern und Gründern schüren - soft money lockt stupid money an.
Die Förderinstitute sehen das natürlich anders. Ohne die öffentlichen Gelder, argumentiert tbg-Geschäftsführer Ernst Mayer, kämen sehr junge Unternehmen nicht auf die Füße. "In bestimmten Phasen versagt der Markt eben. Gerade zu Anfang lassen sich gute und schlechte Investments nicht unterscheiden." Sein Münchner Kollege Josef Schuster von der Fördergesellschaft BayernKapital hält die öffentlichen Hilfen für einen Katalysator, der Gründer und private Kapitalgeber zusammenführe: "Wenn staatliche Kapitalgeber beteiligt sind, erleichtert das den Gründern, sich mit dem Venture-Capitalist zusammenzutun, dann fühlen die sich dem nicht so ausgesetzt."
"Nötig sind Subventionen nicht", meint dagegen der Bochumer Innovationsforscher Erich Staudt, "aber es macht sich für die Landespolitiker eben gut, wenn sie geförderte Vorzeigeunternehmen vorweisen können." Dabei sei "der Engpass nicht das Kapital, sondern die Kompetenz". Die Gründer brauchten Finanzmanager an ihrer Seite, die bereits Erfahrungen mit schnell wachsenden Technologieunternehmen gesammelt haben. "Diese Leute gibt es in Deutschland nicht."
In vielen Fällen kann die staatliche Förderung sogar das Risiko für die Unternehmen erhöhen, statt es zu senken. Weil die Subventionen zu üppig ausfielen, könnten viele Unternehmen künftig nicht mehr finanziert werden, prophezeit der Risikokapitalist Tom Geimer. Denn die staatlichen Wachstumshormone "puschen den Unternehmenswert zu schnell, ohne dass in so kurzer Zeit wirkliche Werte geschaffen werden, die das rechtfertigen würden. Bei der nächsten Finanzierungsrunde kommen sie dann mit wahnsinnigen Preisen an den Markt." Dafür werde das Angebot an Risikokapital aber möglicherweise nicht mehr ausreichen. "In einem Jahr", sagt Geimer, "werden wir in Deutschland die ersten Unternehmen haben, die nicht weiter finanziert werden." Oder der Staat springt erneut in die Bresche - und bringt eine Subventionslawine ins Rollen.
Der Aufbruch in die Risikoökonomie ist eine Reise ins Ungewisse, für alle Beteiligten. Es gibt fantastische Erfolge, aber auch Niederlagen. Von Letzteren ist allerdings bislang noch kaum etwas zu sehen, nicht nur wegen des Engagements des Staates, sondern schlicht weil die deutsche Risikokapitalszene noch jung ist. Doch künftig wird sie auch Rückschläge verdauen müssen, Pleiten. "Du darfst niemals denken, dass du es geschafft hast", sagt Bernd Schulz, einer der Gründer des Unternehmens AeroLas. Also muss es weitergehen, immer schneller, immer höher. Manchmal fühlt sich Schulz wie ein "getriebenes Tier". Er hat Freunde aus den Augen verloren, das Familienleben nach seinem Terminplan organisiert. Vier gemeinsame Tage mit den Kindern hat er sich im vergangenen Jahr geleistet: "Da versucht man dann alles reinzupacken, was möglich ist." Fünf bis sieben Jahre, länger wolle er das nicht machen. Dann sei er vielleicht um ein paar Millionen Mark reicher und setze sich zur Ruhe. "Vielleicht."
Eine Sache lässt er sich auch heute nicht nehmen. Einmal im Monat trifft er seine ehemalige Ministrantengruppe. Als vergangenen November zum Martinstag ein Bettler gesucht wurde, für den der heilige Martin den Mantel teilt, hüllte sich Schulz in die Lumpen. "Um den Boden noch zu spüren - damit man nicht abhebt."
- Datum 19.08.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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