Blair Witch Project Echt im Wald
"The Blair Witch Project" und andere Kino-Purismen
Vor 18 Jahren prophezeite Francis Ford Coppola, die Erfolgsfilme der Zukunft würden nicht mehr von erfahrenen Regisseuren, sondern von genialen Mädchen und Jungen gedreht, denen die Eltern zum Geburtstag eine Videokamera geschenkt hätten. Damals nahm niemand Coppolas Voraussagen so richtig ernst, und der Bankrott seines mit Videotechnik voll gestopften Filmstudios ließ seine These auch nicht gerade heller leuchten.
In diesem Sommer sieht es so aus, als könnte Coppola am Ende doch Recht behalten. Während die großen Hollywoodstudios mit Starvehikeln und technisch aufgemotzten Nichtigkeiten um das Kernpublikum der 15- bis 29-Jährigen kämpfen, entwickelt sich ein billiger kleiner Horrorfilm zum Kommerzwunder des Jahres. 100 Millionen Dollar hat The Blair Witch Project , das Kinodebüt von Daniel Myrick und Eduardo Sanchez, bisher eingespielt - bei einem Budget von umgerechnet 60 000 Mark. Eine Rendite dieser Art ist in der Filmgeschichte unerhört.
The Blair Witch Project
The Blair Witch Project
Dieselben Leute haben womöglich vor kurzem noch über die digitalen Wunder der Star Wars- Fortsetzung The Phantom Menace gestaunt. Beides, die totale Illusion und die rabiate Kunstlosigkeit (die in Europa von den dänischen Dogma-Regisseuren propagiert wird), gehört zusammen. Der Digitalzauber überrumpelt das Auge, indem er den Unterschied zwischen echten und computergenerierten Wesen tilgt; das reality cinema verwischt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Hier wie dort gibt es die volle Kinodröhnung, bloß auf jeweils andere Art. Nur in der Mitte zwischen den Extremen, dort, wo wirkliche Menschen wirkliche Menschen spielen und man noch an das glauben muss, was man sieht, wird der Schein allmählich dünn.
- Datum 19.11.2009 - 15:03 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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