Miriam wächst in der kenianischen Provinz auf, mal bei der Tante, mal bei ihrer Oma und manchmal auch bei den Eltern. Ihr Vater ist Polizist, ein Tyrann, der die Mutter aus dem Haus grault und die Kinder blutig schlägt.

Einmal ist er mit der Knarre hinter Miriam her. In Todesangst versteckt sie sich in einem Wäschekorb. Dann flüchtet sie, wird Straßenkind in Nairobi, später Hure am Strand von Mombasa. Bis Heinz auftaucht. Heinz ist Stammgast, wie die Freier in Kenia genannt werden. Er macht Miriam einen Heiratsantrag.

Ein Traum geht in Erfüllung. "Ich war so aufgeregt", schreibt Miriam Kwalanda in ihrem Lebensbericht Die Farbe meines Gesichts, "dass ich trotz der nächtlichen Hitze in Kenia fror."

Miriam Kwalanda ist mithilfe der Journalistin Birgit Theresa Koch etwas Ausgezeichnetes geglückt. Das Protokoll der Exhure ist nicht moralisierend, nicht vorwurfsvoll, nicht prätentiös

durch seine Nüchternheit und Klarheit und vor allem durch die unverklemmt intime Schilderung bekommt das Buch eine ergreifende Nähe. Und was es von vielen anderen Prostitutionsgeschichten, die sich auch in Thailand, auf den Philippinen oder in der Dominikanischen Republik abspielen könnten, unterscheidet, ist der Bezug auf die eigene Kultur. Kwalanda erzählt auch von Ritualen wie der Beschneidung von Jungen und Mädchen oder von Beerdigungsbräuchen. Das Volk der Luhya zum Beispiel "stellt sich auf einen Berg und schreit so laut, dass die Leute es weithin hören können. Die Frauen aus dem Dorf kommen zusammen, schlafen im Haus des Toten und versorgen die Gäste." Ihr Singen, Weinen und Schreien zeigt, "in welchem Verhältnis sie zu dem Toten gestanden haben". Die Zeit des Trauerns ist noch nicht vom Rhythmus moderner Gesellschaften bestimmt, eine Beerdigung kann eine Woche dauern.

Unterhaltsam wird es dort, wo Kwalanda über die Abende berichtet, an denen sie mit ihren Kolleginnen über die unterschiedlichen nationalen Besonderheiten der Freier räsoniert. Der Amerikaner steht für sportlichen Geschlechtsverkehr, und der Italiener hat seine Familiengeschichte schon heruntergebetet, "bevor er die Unterhose runterzieht". Doch Miriam entscheidet sich für einen Deutschen. Für Heinz. Sie zieht an den Rhein und entdeckt mit Erschrecken, dass ihr Traum vom europäischen Mann der Realität nicht standhält. Der große Heinz entpuppt sich zu Hause als kleiner Wicht, der sein Minderwertigkeitsgefühl mit Schnaps wegspült und Miriam von der Außenwelt isoliert wie eine Sklavin zu halten versucht. Zuneigung wird Zueignung. Heinz ist ein Tyrann. Für Miriam eine Wiederholung, trotz des sozialen Aufstiegs in die weiße Erste Welt.

Miriam Kwalanda/ Birgit Theresa Koch: Die Farbe meines Gesichts