Die Mühen des Verstehens
Der politische Psychologe Klaus Horn verschließt vor keinem Schrecken die Augen
Einen Aufsatz über Gewalt in der Gesellschaft hat er so eingeleitet: "Der Autor dieser Schrift ist Bundesrepublikaner. Allerdings einer, der den Zusammenbruch des Dritten Reiches und den Beginn des Wiederaufbaus bis 1952 in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR erlebte. Diese Erfahrung prägt."
Es waren die Gewalterfahrungen zweier Diktaturen, die Klaus Horn nicht vergessen konnte. Auf keinem Auge blind, suchte er nach einem Weg, der das Ziel sein könnte. Die Aktionsforschung - die Beteiligung des Wissenschaftlers am Diskurs der Gruppen, deren Gesetzmäßigkeiten er verstehen will - schien einen solchen Weg zu eröffnen. 1952 war Klaus Horn in die Bundesrepublik übersiedelt. Bei Adorno und Horkheimer fand er, was er suchte - das intellektuelle Handwerkszeug für das Verständnis des Zusammenhangs gesellschaftlicher und individueller Probleme.
Mitte der sechziger Jahre hat dann Alexander Mitscherlich Horn an das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut geholt. Bis zu seinem Tod, der ihn zu früh, knapp 50-jährig, ereilte, hat Horn dort den von ihm gegründeten Arbeitskreis "Politische Psychologie" geleitet. Die Schriften zur kritischen Theorie des Subjekts, die in fünf von Hans-Joachim Busch herausgegebenen Bänden nun vorliegen, sind Zeugnis dieser 20-jährigen Arbeit Horns am Frankfurter Institut.
Der Antisemitismus, zum Beispiel, ist ein gesellschaftliches Problem, das politisch zwar analysiert, ohne Rückgriff auf die Psychologie aber nicht verstanden werden kann: "Wer, wie die militanten Antisemiten, statt die irrationalen Bewegungsgesetze der Gesellschaft zu untersuchen, gegen sie aufbegehrt, indem er sich eine so infantile Vorstellung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse macht, daß alles als böse Empfundene auf das ... Bild des Juden personalisiert zusammenschrumpft, der kann selbst nur angemessen verstanden und interpretiert werden im Hinblick auf diesen Irrationalismus und dessen Gesetzmäßigkeiten - also psychologisch."
Horn wollte die ökonomischen Voraussetzungen, die politischen Bedingungen und die individuellen Beweggründe verstehen, die zur Gewalt führen, die Menschen einander in kleinen und großen Gruppen, im intimen und im öffentlichen Leben zufügen. Erziehung als Dressur (1966) war deshalb ein ebenso programmatischer Titel wie der seines Beitrags über Die insgeheime Lust am Krieg, den keiner ernsthaft wollen kann (1983).
Liest man Horns Schriften heute wieder, so ist man verblüfft: Horn schließt die Augen vor keinem Schrecken - und schreibt doch nicht resigniert. Er sucht den Weg zwischen allen Stühlen. Er glaubt zwar nicht an das unzerstörbare Gute im Menschen, dafür aber - mit Freud - an die leise Stimme der Vernunft.
Erfüllt von aufklärerischem Eros, widerspricht Horn allumfassender Katastrophenstimmung wie globalen Welterlösungskonzepten.
- Datum 19.08.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 34/1999
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