Schnelle Schreiber gesucht

Auch im Computerzeitalter gibt es Herausforderungen für Stenografen von 

Seine Ansichtskarten schreibt er nach wie vor in Langschrift, also mit richtigen Buchstaben und vollständigen Wörtern. Auch für Einkaufszettel oder anderen privaten Schriftverkehr nutze er die geheimnisvollen Kringel, Bögen, Linien und Punkte eher selten, höchstens mal am Telefon, sagt Josef Hrycyk.

Dabei steht der Mann aus Hamburg an der Spitze der deutschen Stenografenszene. Seinen Rekord von 1974 hat bis heute noch niemand gebrochen.

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Damals schrieb er 520 Silben pro Minute, und das fünf Minuten lang. Niemand spricht außerhalb eines Wettbewerbs so schnell, wie Josef Hrycyk mitstenografieren könnte. Also hat er sich andere Herausforderungen gesucht.

Mit Block, Füllhalter und lockerer Hand saß er 41 Verhandlungstage im Prozess um den Immobilienspekulanten Jürgen Schneider. Die gesamte Dokumentation seiner wortwörtlichen Mitschrift würde rund 3000 Buchseiten füllen.

120 Übungsstunden sind das Mindeste für den ersten Erfolg Es gehört zum Schicksal eines Stenografen, dass oft mehr als die Hälfte seiner Arbeit von niemandem mehr gebraucht oder je gelesen wird. Aber Hrycyk sagt, nur ein gutes Stenogramm garantiere einen optimalen Lesetext. Keine Mitschrift in Langschrift könne das leisten, viel zu viel ginge dabei verloren - nicht nur an Inhalt, auch an Atmosphäre. Hrycyk weiß, wovon er redet. Viele Interviews hat er für die ZEIT stenografiert und zusammengefasst.

Als stiller Mitschreiber saß er an einem Tisch mit Bundeskanzlern, Bundespräsidenten, Ministern, Unternehmern und Schriftstellern. Nicht jeder Stenograf sitzt so nah am Nabel der Geschichte und der Politik. Deshalb sei seine freiberufliche Tätigkeit auch nicht unbedingt mit dem Berufsbild anderer Stenografen zu vergleichen.

Aber vielleicht zeigt seine Geschichte, dass Stenografie eben keinesfalls die uncoole Großmutter im High-Tech-Zeitalter der Informationstechnologie ist, sondern immer noch ein Schlüssel zu ungeahnten Berufsperspektiven sein kann.

Leserkommentare
  1. Schnellste Stenografen der DDR
    Mit je 520 Silben pro Minute stellten Dr. Dietrich Lepski und Helmut Gehmert aus Dresden sowie Manfred Kehrer aus Leipzig beim 13.Stenografentag 1975 in Karl-Marx-Stadt einen nie übertroffenen DDR-Rekord auf

    http://www.stenografenbun...
    "Einsame Spitze sind nach wie vor seine 530 Silben, die er in 11 Minuten bei den Bezirksstenografentagen 1974 und 1984 in Leipzig schrieb – sie sind legendär und suchen ihresgleichen."

    Und dabei schreibt der Herr Steno in 8 Sprachen!

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