Im globalen Dorf, wo die Fahne der digitalen Ubiquität und organisierten Gleichzeitigkeit weht und wo der Schweizer Uhrenfabrikant Hayek schon die uns gemäße Cyberzeit mit 1000 "Beats" (jeder Beat=86,4 Sekunden) für den modernen ortlosen Internet-Tag beschert hat, hier dürften wir ihn wohl endlich los sein, den inzwischen 250-jährigen Olympier und Geheimrat. Jenen Goethe also, von dem Nietzsche mutmaßte, er sei in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen.

Mag sein, bei näherem Hinsehen kommt man zu einer etwas anderen Erkenntnis. Einer nämlich scheint schon lange vor uns aufgebrochen zu sein ins globale Dorf: Dr. Faust. Er hat uns früh erkannt mit seiner Verwünschung aller Langsamkeit. "Fluch vor allem der Geduld!" Und er hat sie auch lange vor uns schon erfunden, die Ablösung der Zeit vom Raum, das rasant beschleunigte Lebenstempo in Gestalt seines Weggefährten mit Namen Mephisto. Faust begab sich schon vor mehr als 200 Jahren bereitwillig unters Joch jener Eile, die bekanntlich des Teufels ist. Es ist ein sehr modernes Joch, das Goethe in genialer Wortschöpfung als veloziferisch bezeichnet, als Verschränkung von Velocitas (die Eile) und Luzifer.

Deutlich sichtbar werden auch schon die modernen Formen der Versklavung: Fausts Unterwerfung unter das Diktat der Eile, die erzwungene Adaptation seiner Sinne an eine beschleunigte Wahrnehmung und sein (schließlich mit Erblindung erkaufter) Glaube an eine unbegrenzte Fortschrittsdynamik. Faust hat sich Luzifer unterworfen im Namen einer Wette, deren ultima causa sein Fluch der Geduld ist: seine Verweigerung des Augenblicks zugunsten der Ungeduld. Kafka, der ein Jahrhundert später Weimar besucht und dort nachts die Steine des Goethe-Hauses streichelt, wird in sein Tagebuch dann den Satz notieren: "Es ist Ungeduld, die den Menschen aus dem Paradies vertrieb und ihn daraus immer weiter entfernt." Was Faust und seine Nachfahren aus dem Paradies vertreibt, bringt Mephisto hellsichtig auf die Formel: "Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben, der ungebändigt immer vorwärts drängt und dessen übereiltes Streben der Erde Freuden überspringt."

Fausts "übereiltes Streben" ist gekennzeichnet durch moderne Diskontinuitäten. Am Ende steht Fausts gewaltsame Zerstörung der tradierten Welt der beiden Alten - Philemon und Baucis. Wenn Goethe statuiert: "Das Leben hat nur insofern einen Sinn, als es eine Folge hat" , so war es für ihn vor allem die Französische Revolution, die mit ebendieser "Folge", mit dem langsam Gewachsenen, dem Althergebrachten, gründlich gebrochen hatte. Zugleich hatte sich der Rhythmus des Daseins ruckartig geändert, um sich auf nie da gewesene Weise zu beschleunigen. Anstelle des alten Andante, des bedächtigen Fortschreitens, war eine alle Lebensverhältnisse erfassende Akzeleration getreten. Was Goethe früh bemerkte, hat Nietzsche (in Menschliches, Allzumenschliches) spät mit den Worten diagnostiziert: "Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt, die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muß, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken."

Dass unsere Zivilisation aus Mangel an Ruhe in eine neue Barbarei ausläuft, hatte Goethe bereits 1778 in Berlin bemerkt. Im von ihm zu späterer Verwendung zurückbehaltenen Postskriptum eines Briefes an den Juristen und Verwaltungsbeamten im preußischen Dienst, Nicolovius, bringt er die Wahrnehmung auf den Begriff: "alles veloziferisch". In dem Brief selbst heißt es hierzu: "Für das größte Unheil unsrer Zeit, die nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut, und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten, ein guter Kopf könnte wohl noch eins und das andere interpolieren. Dadurch wird alles, was ein jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt. Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der übrigen; und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch."

Goethe hat das Drehbuch jener modernen Akzelerationen geschrieben, das uns im Zeitalter digitaler Lichtgeschwindigkeit einzuholen beginnt: Faust , als das Gleichnis für die Tragödie der Übereilungen der Moderne. Für die Zukunft der Vergangenheit dieses Werks dürfte jedenfalls immer noch und entsprechend jenes Wort anwendbar sein, das Friedrich Schlegel über Goethes Wilhelm Meister notiert: Es ist ein Werk, das"mehr weiß als es sagt, und mehr will, als es weiß". Der Faust ist einseismografisches Frühwarnsystem, eine frühe Ahnung, dass mit dem Epochenbruch der Französischen Revolution und den Blitzsiegen Napoleons das Mehrheitsschiff sich nicht nur von den alten Verankerungen losgerissen hatte, sondern umgerüstet wurde zu jenem Schnelldampfer, der dann im 20. Jahrhundert den Namen Titanic erhalten sollte. Goethe sah die Gespenster nicht mehr aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft auf uns zukommen: "Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren."

Goethe also ein "Stabilitätsnarr", wie ihn Heinrich Heine als Protagonist einer Generation mit bereits gesteigertem Lebenstempo bezeichnet hat? Hatte Goethe selber eine Antwort auf das "überhandnehmende Maschinenwesen"? Er sieht sich jedenfalls in den Wanderjahren seines Wilhelm Meister vor die problematische Alternative gestellt: Flucht oder Mitläufertum. Eine Alternative, von der er selber sagt, es sei "ein doppelter Weg, einer so traurig wie der andere: entweder selbst das Neue zu ergreifen und das Verderben zu beschleunigen, oder aufzubrechen, die Besten und Würdigsten mit sich fort zu ziehen und ein günstigeres Schicksal jenseits der Meere zu suchen. Eins wie das andere hat sein Bedenken, aber wer hilft uns die Gründe abwägen, die uns bestimmen sollen?"