Mein Jahrhundertbuch (35)
Urs Widmer: "Pedro Páramo" von Juan Rulfo
Pedro Páramo ist ein Buch, das ich mindestens viermal gelesen habe und trotzdem immer noch nicht "verstehe". Es hat ein Geheimnis, das mich über die Maßen berührt und dem ich noch immer nicht ganz auf die Schliche gekommen bin. Rulfos magisch aufgeladene Sprache? Die Gewalt des Erzählten? Rulfos Teilnahme am Schicksal der ganz Elenden seines Landes? Ein Grund meiner irritierten Berührtheit ist allerdings gewiss, dass in dem Buch niemand mehr am Leben ist, nicht einmal, habe ich den Verdacht, der Erzähler selbst. Alle tot. Tote erzählen uns aus der Welt von Toten, die alle einmal, wie wir es jetzt sind, lebendig gewesen waren. Die Welt von Pedro Páramo erinnert mich, aus genau diesem Grund, an die Tote Klasse von Tadeusz Kantor. Ein Bühnenstück. Aber auch dort die jähe, schockierende Erkenntnis, dass alle, an deren Schicksal wir da teilnehmen, scheinbar gegenwärtig, längst tot sind.
Juan Rulfos kleiner Roman, eine Erzählung eher, spielt in Mexiko, unter dem diktatorischen Regime von Porfirio Díaz, das für die Großgrundbesitzer erfreulich und für alle andern die Hölle war. Eine Revolution stürzte ihn 1911, und in den Jahren davor spielt, allem Anschein nach, das Buch. Pedro Páramo ist ein Großgrundbesitzer in einem einsamen, von allen Göttern und jedem staatlichen Recht verlassenen Hochland Mexikos, das auch für die damaligen Verhältnisse besonders elend dran war. So sehr träumend, so sehr traumwandlerisch dieser wunderbare kleine Roman auch ist - ein Alb, eine Heimsuchung, reine Poesie -, so sehr ist er auch eine sehr reale Beschreibung des Elends mexikanischer Bauern. Eine unbeschreibliche Armut, ein Tod bei lebendigem Leibe, kaum getröstet von einer Kirche, die entweder hilflos oder korrupt war.
Dieser ist von Beginn weg tot. Am Schluss des Buchs ist seine Geschichte so rekapituliert, dass wir auch wissen, wie er gestorben ist. Geschieht ihm recht, der Sau. Die Toten haben uns den Tod des längst Toten erzählt. "Er schlug", so endet das Buch, "hart auf die Erde auf und fiel auseinander wie ein Haufen Steine." Er war ein fürchterlicher Mensch gewesen, ein Schinder, ein zynischer Lüstling. Ein Machtmensch. Und dennoch: Er hat auch auf uns Leser, nicht nur auf die Frauen, hie und da und ab und zu und ungern zugestanden jene Verführungskraft, die die Macht ausstrahlt. Zu den Siegern zu gehören, nicht zu den Opfern, das lockt uns immer wieder und oft mit verheerenden Folgen.
Juan Rulfo ist so etwas wie der Stammvater jener damals jungen Autoren Südamerikas, deren "magischer Realismus" sie berühmt gemacht hat. Das ist eine glückliche Bezeichnung für das, was Rulfo tut. Insbesondere Gabriel García Márquez hat sich auf Rulfo bezogen und ihn als jenen bezeichnet, bei dem er vieles gelernt habe. In der Tat. Magie und Realismus durchwirken sich in Rulfos Meisterwerk auf die allerselbstverständliche Weise. Das Buch ist wie die Beschreibung - nicht die Deutung - eines Traums, noch während der Autor, und mit ihm sein Leser, ihn träumt.
Und wie es so ist mit den Meisterwerken. Nach Pedro Páramo , den Rulfo 1955 im Alter von 37 Jahren schrieb, kam nichts mehr. Rulfo schwieg und schwieg. Und wenn er nicht gestorben ist, schweigt er heute noch.
· Juan Rulfo:Pedro Páramo Roman; aus dem Spanischen von Mariana Frenk; Hanser Verlag, München 1989; 136 S., 26,- DM
- Datum 26.08.1999 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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