Handel belebt das Gehirn

Was lernen wir aus der industriellen Revolution? Ein ZEIT-Gespräch mit dem Historiker Joel Mokyr über Erfinder und Bremser von Fischermann

DIE ZEIT: Professor Mokyr, die industrielle Revolution führte zu dramatischen sozialen Umwälzungen. Dessen ungeachtet beschwören die Menschen jetzt die nächste Revolution.

JOEL MOKYR: Nicht alle. Ich höre oft: Es wäre besser, auf Innovation zu verzichten und fröhlich in einer statischen Gesellschaft zu leben. Für mich ist das historischer Unsinn. Es gab immer wieder Gesellschaften, die statisch waren - aber sobald sich andere Wege für sie erschlossen, haben sie sich flott gewandelt. Und könnte jemand bestreiten, dass sich das Leben in den vergangenen zwei Jahrhunderten verbessert hat?

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MOKYR: Ich neige zu dieser Meinung. Sicher können wir erst sein, wenn es vorbei ist. In der industriellen Revolution wussten die meisten Leute jedenfalls nichts davon - der Begriff selbst setzte sich erst Ende des 19. Jahrhunderts durch.

ZEIT: Was ist heute vergleichbar mit der Erfindung der Dampfmaschine, der Eisenbahn, des automatischen Webstuhls?

MOKYR: Computer- und Informationstechnik. Eine Informationsrevolution wäre allein keine würdige Nachfolgerin für die industrielle Revolution, aber sie hat unsere unglaublichen Fortschritte in Biotechnik, Materialtechnik, Medizin vorangetrieben. Vielleicht sagen wir in 50 Jahren: Die neunziger Jahre waren ein großer Durchbruch.

ZEIT: Reden wir da eigentlich nur über Technik?

MOKYR: Es gibt ebenso große Umwälzungen im Unternehmensmanagement. Und die Kapitalmärkte verändern sich - denken Sie an Online-Handel oder die neuen Finanzierungsinstrumente. Es gibt aber einen anderen, noch wichtigeren Aspekt. Die industrielle Revolution im frühen 19. Jahrhundert veränderte grundlegend die Arbeitsweise. 1750 arbeiteten die Menschen zu Hause oder auf dem heimischen Acker; 1914 waren Arbeits- und Wohnorte weitgehend getrennt. Die Fabrikarbeit bestimmte die Lebensweise, auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Viele Leute sagen nun, dass die Arbeit am vernetzten Computer einige Entwicklungen umkehrt. Wer weiß - wenn Frauen wieder zu Hause arbeiten und dabei Kinder großziehen, kehren sich vielleicht sogar demografische Trends um. In einer Revolution weiß man nicht, was passiert.

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