Die Geschichte schien einem zynischen Drehbuch zu folgen. Kaum hatten amerikanische Truppen im Oktober 1944 Aachen eingenommen und eine neue Stadtverwaltung bestellt, musste sie wieder ausgewechselt werden. Der Baudirektor hatte unter den Nazis Zwangsarbeiter ausgebeutet, der Leiter des Personalamtes war für seinen früheren Arbeitgeber als Kontaktmann zur Gestapo tätig gewesen. Und so weiter, und so fort, nachzulesen in Reportagen, die ein Besatzungsoffizier an die amerikanische Presse lanciert hatte. Sein Name: Saul K. Padover.

Padover gehörte zur Abteilung für Psychologische Kriegsführung, die Erkundungen über die Mentalität der Besiegten anstellen und den politisch unkundigen Militärs bei der Entnazifizierung zur Hand gehen sollte. Miserabel ausgestattet, mussten sich die Mitarbeiter nicht nur gegen misstrauische Deutsche, sondern auch gegen Leute in den eigenen Reihen behaupten, denen die Entwicklung der Wirtschaft wichtiger war.

Das Protokoll ihres absehbaren Scheiterns veröffentlichte Padover 1946 in der Hoffnung, die Debatte um den demokratischen Aufbau in Deutschland neu zu entfachen. Sein Buch Experiment in Germany. The Story of an American Intelligence Officer geriet jedoch schnell in Vergessenheit. Zwei Schriftstellern haben es wiederentdeckt: Gerd Fuchs, der 1995 eine viel beachtete Hörspielfassung vorlegte, und Hans Magnus Enzensberger als Herausgeber einer leicht gekürzten Übersetzung.

Padovers Erinnerungen zeigen die Seelenlandschaft der Deutschen im Jahr 1945 und sind spektakulär wegen ihres unspektakulären Blicks. Im Mittelpunkt stehen nicht Nazigrößen, Wirtschaftskapitäne oder Generale, sondern Angestellte, Lehrer, Hausfrauen. Es bedurfte nur eines kleinen Tricks, um sie zum Reden zu bringen. Statt "Warum waren Sie in der NSDAP?" fragte Padover: "Warum mußten Sie in die Partei eintreten?"

Die Antworten lassen darauf schließen, dass keine ideologischen Fanatiker das System am Laufen hielten, sondern unauffällige Zeitgenossen, die ihre Gewinn heischende Anbiederung mit dem Verzicht auf moralische Grundsätze bezahlten. Oder die an der Gedankenwelt der Nazis teilhatten, ohne ihren politischen Stil zu goutieren. Was gemeinhin als Affinität zum Nationalsozialismus verstanden wird, begegnet uns bei Padover als dessen Kern.

Mehr herausgeberische Sorgfalt hätte aus einem sehr guten ein hervorragendes Buch machen können. So aber fehlt ein Vorwort, das die Technik der mit Zufallskandidaten geführten Interviews oder die Montage des Textes kritisch würdigt. Weder hatte Padover die Mittel zu einer repräsentativen Erhebung, noch wollte er eine wissenschaftliche Studie vorlegen. Seine "Probebohrungen" sollten vielmehr als politisch motivierte Provokation gelesen werden.

Padover reiste im Mai 1945 über Frankreich zurück in die USA. Er hatte ein Land verlassen, das zwischen Depression und wutgenährter Aggressivität schwankte. Dass sich trotzdem binnen einer Generation eine stabile Demokratie entwickeln würde, hätte Padover nicht für möglich gehalten.