Weg und hin

Echte Globetrotter sind doppelt auf der Flucht: Vor dem schnöden Alltag- und vor den Touristen. Besuch bei einem scheinbaren Paradox: EinemVerein von Individualisten. von 

Wer zu den letzten ursprünglichen Stämmen vordringen will, der muss sich abseits der großen Pfade bewegen. Weder Autobahn noch ICE-Trasse führen bis hinter das alte Rittergut, das beim Dorf Stammen liegt, bei Trendelburg, bei Hofgeismar. Sommersatt grün ist die Märchenlandschaft aus Wiesen und Wäldern, am späten Nachmittag werfen die Hügel lange Schatten. Sie kriechen immer näher an die beiden mongolischen Rundzelte am Flussufer heran, aus deren Mitte Rauchschwaden in den aufgerissenen Himmel ziehen. Um diese Zeit kehren die Männer von ihren Kanufahrten zurück. Wilde Kerle mit Hosen aus Leder und mit Vollbart. Um diese Zeit rücken sie die Bänke in den Sonnenuntergang, trinken dunkles Bier und erzählen sich Geschichten.

So dramatisch wie eine Gebirgskulisse im Himalaya schildert dann Klaus Gieseler, wie er nach beschwerlicher Klettertour die Audienz bei der Königin von Mustang bekam mit Buttertee und gesenktem Blick: Jahrelang hatte ich die nepalesische Botschaft gelöchert: Wann ist denn euer Mustang endlich offen?, berichtet der Abenteurer vom Niederrhein. In Mustang war ja 30 Jahre lang keiner mehr drinne gewesen! Ich war die Einreisenummer 11, die steht in meinem Pass.

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Auch mit Jürgen Erdmann durchleben die (meist) Männer die Triumphe des Entdeckers: wie er ganz auf eigene Faust vor Chiles Küste die Isla de Robinson Crusoe aufspürte mit einem kleinen Transportflieger, für den Preis von 95 Kilo Langusten. Und dann überbieten sie einander mit den Dramen, die jeder Trapper durchlebt: In Neuguinea gibt es Kakerlaken und Ratten, so groß wie kleine Katzen! - Am besten, man schlägt im Hotelzimmer sein Einmannzelt auf ...

Es fallen große Worte: sagenumwoben, geheimnisvoll, unglaubliche Strapazen. Und große Sätze: Man weiß nur, dass man lebt, wenn man einmal sein Leben riskiert hat. Denn dies sind die letzten Globetrotter, die letzten echten: immer auf der Flucht vor dem Einrasten. Sie haben die fernsten Winkel der Erde gesehen. Dass solche am Fluss ihre Jahresversammlung abhalten, scheint zwar paradox. Doch hierzulande verfügen nun mal selbst radikale Individualisten über ein ordnungsgemäßes Vereinsleben.

So konnte etwa die Deutsche Zentrale für Globetrotter (DZG), zu deren Gründungsmitgliedern auch diese Abenteurer gehören, vor einigen Wochen ihr 25-jähriges Jubiläum begehen. Damals war ja selbst Mallorca noch exotisch und Bali für die Massen ein unerreichbarer Luxus. Andererseits erschien die von den 68ern eroberte Freiheit grenzenlos! Gleichgesinnten Ausbrechern wollten die Pioniere also Reisepartner und ihre Erfahrungen vermitteln bis heute kursiert das Vereinsblatt Der Trotter mit praktischen Tipps für Verpflegungsprobleme in der Mongolei und den korrekten Umgang mit amerikanischen Zapfsäulen.

Über die Jahre aber, moniert das sauerländische Urgestein Reinhold Korte, sei die DZG leicht verwässert worden: vom Club mutiger Einzelkämpfer zur Hilfsorganisation auch für Neckermann-Reisende und für Abenteurer mit doppeltem Boden, die bis an die Halskrause auch noch für die allerneueste Trendsportart ausgestattet seien. Kurzum fand er den Verein überfremdet mit normalen Touristen! Und mit denen wollen ja schon die normalen Touristen nichts zu tun haben wie viel weniger erst wahre Vagabunden, die nun nicht mehr bloß von den Sesshaften, sondern auch noch von den Fliehenden in die Flucht getrieben waren. Konsequent gründeten sie also, zumindest zusätzlich, eine konservative Splittergruppe - ebenjene echte Gemeinschaft aus ein paar Dutzend Leuten, von denen einige nun an der Diemel lagern: den Deutschen Globetrotter Club.

Dessen Mitglieder betrachten ihren Drang nach Expeditionen als philosophisches Programm: Ich brauche meine Freiheit, deklamiert einer, ich will doch nicht leben wie eine Tomate! Anders gesagt, ist das Reisen für sie nicht bloß zeitlich befristetes Nebenbei, so erklärt Vorstand Reinhold Korte, sondern eine Leidenschaft, die, wenn es zur Konfrontation kommt, wichtiger ist als die Sicherheit. Er selbst sei schon als Kind in jeder freien Minute in Reiseliteratur abgetaucht seine leise Form der Renitenz gegen die Normierung in Schule und Elternhaus. Bald brach er selbst auf. Und ist bis heute den schnöden Zwängen eines Ausbildungs- oder Berufslebens entkommen: Sein Geld verdiente Korte lange mit Gelegenheitsjobs. Erst seit zwei Kinder Sicherheit fordern, hat er seine Passion als Reiseunternehmer sanft kommerzialisiert: Früher saß ich alleine in den australischen Outbacks am Lagerfeuer. Jetzt sitze ich dort manchmal in einer Runde mit sieben Leuten, die mich dafür bezahlen, dass ich sie durch die Wildnis führe.

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  • Schlagworte Ausbrecher | Robinson Crusoe | Bali | Irak | Mongolei | Nepal
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