Am Nachmittag meines einundachtzigsten Geburtstags, als ich mit meinem Buhlknaben im Bett lag, kam Ali und sagte, der Erzbischof sei da und wolle mich sprechen." So beginnt Burgess' Roman Der Fürst der Phantome. Manche Schriftsteller schaffen gute Bücher, andere gute Kapitel oder gute Figuren, Burgess jedoch vergaß nie, dass beide aus guten Sätzen bestehen. Ich frage mich, wie gut er ins Deutsche übersetzt ist, denn Burgess übersetzen ist wie Lyrik übersetzen: Bei ihm kommt es nicht nur auf die Bedeutung an, sondern ebensosehr auf Rhythmus und Melodie der Sprache. Auf derselben Seite lesen wir: "Ich blieb noch einen Augenblick liegen, nackt, wie ich war, blauäderig, gelblich und mager. Ich rauchte eine Zigarette, nicht die postkoitale, wie es hätte sein sollen."

Wahrscheinlich hat er das einfach so hingeschrieben. Man könnte einen ganzen Nachmittag damit verbringen, daran herumzufeilen, ohne dass es als Schlüssel zum Helden dieser Ich-Erzählung besser würde. Ken Toomey, ein homosexueller Schreiber billiger Ladenmädchenliteratur, ist ein Connaisseur, der die Sprache genießt wie einen Wein, wobei er mit nüchternem Blick seine eigenen Erzeugnisse verachtet. Trotz seiner pedantischen, pingeligen und heiklen Art nötigt er uns durch seine erbarmungslose Selbsterkenntnis Zuneigung und Respekt ab. Er ist die kleine Nörgelstimme in jedem von uns, die andere täuschen mag, aber nie einen selbst.

Es gibt die Tendenz, dass jeder Autor am besten durch sein schlechtestes Buch bekannt ist. In Burgess' Fall dürfte das wohl Uhrwerk Orange sein, ein Buch, aus dem ein Film entstand, den selbst sein Regisseur, Stanley Kubrick, als der Jugendgewalt so förderlich erachtete, dass er jede weitere Vorführung untersagte. Bislang hat es noch niemand geschafft, Den Fürsten der Phantome zu verfilmen, allerdings nicht, wie ich vermute, weil er einem rüpelhaften Benehmen förderlich wäre, sondern wegen jener engen Verknüpfung mit den Wörtern, aus denen der Roman besteht. Burgess war ein produktiver Autor; rund dreißig Romane, dazu noch Kinderbücher, Gedichte, literarische Studien über Joyce und Shakespeare, entstanden in dem verzweifelten Versuch, Geld zu verdienen, als man ihm, wie sich herausstellte, fälschlicherweise sagte, er habe nur noch kurze Zeit zu leben. Wie Ken Toomeys ‘uvre sind auch einige seiner Werke seichte Kost. Der Fürst der Phantome dagegen, entstanden wenige Jahre vor seinem Tod, breitet den reichen Bestand von Burgess' Leben in einem verschwenderischen Wurf aus, ohne an ein Morgen zu denken. Man hat das Gefühl, dass Burgess nicht einfach ein Buch schreibt, sondern eine Bilanz seines Lebens zieht.

Ken Toomey durchwandert das 20. Jahrhundert und die ganze Welt auf der vergeblichen Suche nach Glück; Liebe findet er nur, um sie gleich wieder zu verlieren; auch eine Familie, nur dass einer frivole Zeit sie ihm zerstört, er schafft Kunst, nur dass sie verschmäht wird, zudem werden ihm seine schlechten Bücher lächerlich überhonoriert. Er lebt in einer Welt, in der keine gute Tat ungestraft bleibt. Er mischt sich unter die Künstler und Schriftsteller, die Politiker und Filmstars unserer Zeit, die allesamt in unbarmherzigen Nahaufnahmen porträtiert werden. Die Versuchung ist groß, das Buch als Schlüsselroman zu lesen.

Sein Schwager ist der Papst. Das klingt komisch, und Burgess ist keiner, der in einer Erzählung von großer Tragik, die als das klassische Scheitern hoher Prinzipien an niederer Körperlichkeit, Bananenschalen und Bauchlandungen begriffen werden kann, den absurden Humor vernachlässigt. Burgess hatte nicht umsonst Shakespeare gelesen. Die Qualen der Liebe sind von einer Eruption von Holzbeinen und Perücken durchsetzt, die Austreibung von Teufeln mit demütigendem Durchfall; der Zusammenprall faschistischer Weltideologien findet seinen Ausdruck in dem ewigen Hass eines Schriftstellers auf seinen Kritiker. Entsprechend ist Papst Carlo derb, aber auch trendy, er predigt Liebe und Reformen und Befreiung, verkörpert dabei aber Völlerei und Eitelkeit, und letztlich blicken wir durch die Risse in der schönen Fassade des Lebens auf die sehr reale Möglichkeit, dass die Welt einfach deswegen so sein könnte, wie sie ist, weil Gott böse ist. Und weil Burgess ist, wie er ist, kommt diese Erkenntnis nicht mit einem Fanfarenstoß daher, sondern ganz nebenbei in ein paar Zeilen.

Burgess war vieles. Er war Lehrer und Akademiker. Er war Linguist und Poet. Er war Katholik und daher - nach britischen Maßstäben - immer ein verdächtiger Außenseiter. Er sah Kriege und das Ende des Empire und das Entstehen des Konsumzeitalters mit seinem Streben nach sofortiger Befriedigung. Der Fürst der Phantome ist eine gnadenlose Kritik all dessen, und dennoch kein pessimistisches Buch. So wie Voltaire meinte, der Verbesserung der Welt sei am besten dadurch gedient, dass wir unseren Garten bestellen, sieht Burgess die Rechtfertigung des großen Stroms der Weltereignisse in den kleinen Handlungen der Individuen, die davon so oft zerbrochen werden. Im Jargon unserer Zeit ist dies "die Dekonstruktion der großen Metadarstellungen der Geschichte". Burgess sagte es besser.

Aus dem Englischen Eike Schönfeld