Die eingebaute Vorfahrt

Wie aus einem gemütlichen Geländeauto ein Straßenmonster mit 582 PS wird von 

Ein Punkt im Rückspiegel. Rasch wird er größer. Ein Auto. Ein schnelles Auto. Rechts die Lastwagenkolonne. Links wir. Was tun? Auf der Überholspur bleiben oder ausweichen? Kämpfen oder kuschen? Unsere Entscheidung muss innerhalb von Sekundenbruchteilen fallen. Was da alles eine Rolle spielt: unser Alter und Geschlecht; unsere mentale Präsenz; das aktuelle Mischungsverhältnis unserer Hormone; das Bein, mit dem wir heute morgen zuerst aufgestanden sind. Und ein geheimnisvoller Faktor, der unsere Reaktion vielleicht am stärksten bestimmt: das sogenannte "Überholprestige" des Heranrasenden. Hat er viel, machen wir uns dünne.

Das Wort entstammt der Tuner-Sprache. Tuner sind Leute, die an Motoren herumfummeln, um die Autos schneller zu machen. Danach zupfen und zerren sie so lange an der Karosserie herum, bis die Autos auch schnell aussehen. Denn für den Herrscher über mehrere hundert PS gibt es kaum etwas Schlimmeres, als auf der Straße nicht ernst genommen zu werden. Schließlich ist die Straße oft der letzte Ort, an dem er sich mit einigermaßen kalkulierbarem Einsatz Respekt verschaffen kann. Die Voraussetzung für den Respekt aber ist ein ordentliches Überholprestige. Darum kommt eine zentrale Bedeutung dieser Frage zu: Wie wirke ich beziehungsweise mein Auto auf den von meiner Spur zu Scheuchenden? Genauer, welches Bild hat der zu Scheuchende von meinem Auto in seinem Rückspiegel?

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Entsetzliches geschieht in Buschmanns Werkstatt. Funkelnagelneue Autos werden auf die Hebebühne gestellt und auseinandergerupft. Bremsen, Räder - weg damit. Die teure Lederausstattung: hau wech. "Ist doch kein Leder", heißt es im hauseigenen Ledernähstudio, "alles lackiert, reine Chemie." Und dann wird dem "vorhandenen Material", das eben noch ein Neuwagen war, das Herz herausgerissen. Der Motor eines Mercedes, das Allerheiligste, wird hier als rubbeliges Stück Metall angesehen, in das vier bis fünf "Manntage" an Schleif- und Polierarbeiten zu stecken sind. Bis die Maschine am Ende die Leistung abgibt, die in ihr steckt. Damit das Tier endlich fauchen kann. Und auf die Jagd gehen.

So ein Brabus-Tier ist der M V12. In Bottrop angeliefert wird er als das schnuckelige Edel-Geländeauto der M-Klasse von Mercedes. Vom Hof geht er als Zwölfzylinder mit der Kraft von 582 Pferden. Das reicht für 270 Stundenkilometer. An der Ampel versägt er selbst einen Porsche Carrera: 5,4 Sekunden von null auf hundert. Und das bei 2,5 Tonnen Lebendgewicht.

Der laut Guinness-Buch der Rekorde "schnellste straßenzugelassene Geländewagen der Welt" bedeutet für den Tuner eine besondere Herausforderung. Es geht um nicht weniger als die Einheit von Form und Inhalt. Dummerweise wirkt ein hochhackiges Geländeauto im Rückspiegel von vorauszuckelnden, den Überholstreifen blockierenden Sonntagsfahrern leicht wie ein untermotorisierter Gemüsetransporter. Hier ausreichend Überholprestige einzubauen, ohne protzig aufzutrumpfen - das ist die Kunst des Nobeltuners.

Mehr als eine halbe Million Mark kostet die schnelle Gemüsekiste. Allein für den Motor muss man so viel ausgeben wie für eine gut ausgestattete S-Klasse, die Hochleistungsbremsanlage repräsentiert den Wert eines Mittelklassewagens. Da will der Kunde nicht als Angeber dastehen, der es nötig hat, mit peinlichem Zubehör zu protzen. "Die große Spoilerzeit ist vorbei", hat Bodo Buschmann festgestellt. Vor fünfzehn, zwanzig Jahren, da war er noch prall gefüllt, der Trickkoffer des Tuners. Da durfte man noch, ohne gleich unseriös zu wirken, mit allerlei Flügelwerk renommieren. Heute legt der Kunde dagegen Wert auf eine diskretere Formensprache und feinere Zeichen. Die Botschaft - hier kommt ein ziemlich teures, ziemlich schnelles Auto mit einem ziemlich respektablen Insassen - soll nur noch zart angedeutet werden.

Was also bekommt Papa in seinem Passat-Kombi, drei Fahrräder auf dem Dach, zurück aus Dänemark, im Rückspiegel geboten? Erst einmal sieht er schwarz. Zu 99 Prozent sind Brabus-Autos schwarz wie das Anzugtuch des Vorstandsvorsitzenden, wie eine Gewitterfront oder wie Tod und Teufel. Das Signal: Es wird ernst. Und dann schiebt das Fahrzeug eine polierte Bullenramme vor sich her; die könnte im Ernstfall sowohl Rotwild als auch Mittelklassewagen aus dem Weg räumen. Ein schwarzer Frontspoiler mit einem knapp über der Fahrbahn platzierten Rohrabschluss aus poliertem Edelstahl sowie vier schimmernde Unterfahrschutz-Elemente interpretieren das Tuner-Thema Nummer eins: Tiefer muss er sein! Denn in Bottrop gelten im Prinzip dieselben Tuning-Gesetze, nach denen auch eine mecklenburg-vorpommersche Kadett-Schmiede vorgeht. Tiefer gelegt, das weiß jeder Manta-Mann, bekommt das Tier das Duckende, das keilförmig Hineinbohrende, das Aggressive, das man braucht auf dem Gefechtsfeld Autobahn.

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