Ich kannte Anselm Kiefer noch nicht in Person, als er mich schon einmal im Blick hatte. Das war vor vielleicht fünf Jahren in einem Kino des Quartiers von St. Germain-des-Prés. Ich sei da, so sagte er mir später bei unserer ersten Begegnung, mitten im Film weggegangen. Ohne daß er mein Hinausgehen eigens beschrieb, war mir bei seiner Bemerkung, als sähe ich mich, bei vollem Saal, vor, sagen wir, vierhundert Zuschauern, an der Leinwand vorbei durchs Dunkel in Richtung der Leuchtschrift SORTIE bewegen, möglichst schnell, den Kopf gesenkt, damit nicht etwa dessen Schatten mit in den laufenden Film projiziert würde. Im Gegensatz zu mir habe er sich den Film bis zu Ende angeschaut. Als ich jetzt, vor ein paar Wochen, wieder in demselben Kino saß, spürte ich, schon vor der Mitte des Films, den Blick des abwesenden Malers in meinem Rücken - und nicht bloß im Rücken: rundherum in dem ganzen, diesmal nachmittäglich leeren Saal. So sah ich den Film bis zum Schluss; und betrachtete danach im Vorbeigehen an der Kirche von St. Germain, wo gerade, wie üblich, die Abendmesse auf Spanisch gefeiert wurde, über dem Portaleingang das lange Steinrelief eines namenlosen Skulpteurs aus dem 12. Jahrhundert: das Letzte Abendmahl, die Gesichter des Christus und aller zwölf Apostel in einem der Bilderstürme der Geschichte weggeschlagen, die Haltungen aber unversehrt, und, in der Gesichtslosigkeit, vielleicht umso deutlicher - am deutlichsten jene des in seinem Vor-Abschiedskummer mit seinem ganzen Oberkörper quer über die Tafel geworfenen Jüngers Johannes, seinem Nachbarn, dem im Zentrum thronenden Gottessohn, entgegen, den gesichtslos gewordenen Kopf in dessen dem Tisch aufliegende Hand vergraben; Haltungen, Gestaltungen, Situationen, Konstellationen, die derart in die Augen sprangen, nicht nur wegen der unkenntlich gewordenen Antlitze, sondern auch - die Reliefe waren ja ursprünglich bemalt gewesen? - wegen der im Lauf all der Jahrhunderte vollkommen verschwundenen Farben oder Farbigkeiten.

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Ich erlaube mir hier, einen (1) Eindruck wiederzugeben aus dem Alltag des Malers, und zwar deshalb, weil, so kommt es mir vor, in diesem einen Eindruck Person, Alltäglichkeit und Arbeit - bei Kiefer ohnehin schon stetig ineinander übergehend - ganz besonders übereinstimmen. In seinem weitläufigen südfranzösischen Anwesen zu Besuch, fiel mir auf, daß es da an nichts, an keinem Ding, einen Hauch oder Schatten von Verschwendung gab. Zwar war dies und jenes fast üppig, in feiner Auswahl, vorhanden. Aber alles das, so mein Eindruck, sollte möglichst schonend benutzt werden. Es hatte keine Reste zu geben, weit und breit - und wenn Reste, dann keinesfalls im Sinn von "Abfällen". Jeder Rest, auch wenn nicht eigens gleich neu verwertet, wurde doch aufgehoben und irgendwohin (Wohin? fragte ich mich anfangs) beiseitegeschafft als ein Wert. In dem großen reichen Gewächshaus kaum ein verfaultes Gemüse oder eine vertrocknet dahängende Frucht. Zwischen solch konzentrierter, durchorganisierter, ausgetüftelter Fülle - hier die Beete, dort hinten, jenseits zweiter Höfe, sagen wir, der gedeckte, eher kleine Tisch - jeweils ausgedehnte, geradezu gigantische Leerstrecken, Sand, Schotter, Lehmwülste, Kraftfelder von nichts und wieder nichts, entsprechend dem gar nicht extra südlichen, eher vorgebirgshaften Himmel über dem Ganzen. Ein eigentümliches Verhältnis, so mein Eindruck, zwischen Großräumigkeit und Ziseliertheit, geradezu säuberlicher Miniaturhaftigkeit, bestimmte Lebens- wie Arbeitsraum des Malers, ein seltsames Neben-, nein, Miteinander von Monumentalität und klar geordneter, gleichmäßig wertender, geradezu sparsamer Kleinteiligkeit (nichts wegwerfen! nichts verkommen lassen!). Eine Übereinstimmung mit den Arbeiten selber? Wirklich? Welche?

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Ich habe meine erste Schulzeit in einem ländlichen Ort verbracht, der am Fuß eines von Höhlen durchlöcherten Kalkfelsenkegels lag. Nicht zum ersten Mal erzähle ich hier die Expeditionen von uns Schulkindern in die damals noch unerschlossenen Grotten. Ich wiederhole mich, es gehört hierher. Jene Höhlen waren durchwachsen von Tropfsteinen, ewignassen, farbigen bis glasigen, was im Licht der Taschenlampen den Anschein von Schatzkammern gab, je tiefer im Berginnern die Kammer, je entfernter vom Tageslicht, desto kostbarer die Steinzapfen und -säulen. Heute, zur (kleinen) Fremdenverkehrsattraktion geworden, hat die Grotte den Slogan "Bunteste Tropfsteinhöhle Österreichs" - "bunt" ist aber am ehesten noch die Zerstörung, welche wir Kinder ihr seinerzeit zugefügt haben: ganze Steinwälder schlugen wir ab und schleppten die besonders glänzenden Bruchstücke hinaus ins Freie, trugen sie, jeder für sich, heim, versteckten sie als einen Schatz; wir entwendeten der Höhle die Farben - übrig blieb an den Ruinen nur dies und jenes Bunte (und es ist ein Unterschied zwischen Farbigkeit und bloßer formenloser Buntheit). Was aber dann mit den Bruchsteinen, -zapfen, -säulen draußen, im Freien, an der Luft, im Tageslicht alsbald geschah: die Tropfsteine, Stalaktiten wie Stalagmiten, hörten zu tropfen auf, trockneten, und auch die scheinbar glasig schimmernden wurden stumpf, die Farben blichen aus - ödere, grauere und zeichenlosere Steine waren uns nie, in keiner Schottergrube, auf keinem Feldweg je unter die Augen gekommen. - Warum ich diese Geschichte hier wiederhole? Weil es mir mit den Dingen, die der Maler Anselm Kiefer im Lauf von Lebensjahrzehnten gesammelt und archiviert hat, eher umgekehrt erging. Im Jahr 1997 hatte ich einmal einen ganzen Vormittag lang die Gelegenheit, allein in einem sehr weiträumigen, dabei tageslichtlosen Keller die Sachen-Sammlung Kiefers sozusagen zu durchwandern; auch bis in die hintersten Winkel und innersten Fächer zu durchstöbern und zu durchschnüffeln (die Nase war immer wieder mit dabei). Das elektrische Licht dort unten war eher schwach - oder das kommt mir jetzt nur so vor. Diese wie in die Erde gegrabene Räumlichkeit befand sich gerade unter dem Atelier des Malers, den ich ab und zu über mir werken hörte. Ja, auch das Hören war Teil des Durchwanderns der jahrzehntlangen Ablagerungen, wie das Schauen, Riechen, Betasten. Immer wieder stieg ich auch auf eine Leiter, nicht nur, um an ein bestimmtes Fach zu gelangen, sondern auch, um den Blick zum Überblick zu erweitern. (Fast) alles Mögliche fand sich unter diesen mehr von selber angesammelten als eigens gesammelten Dingen, Resten, Skeletten, Schlacken, Trockenfrüchten - nichts wegwerfen, jedem seinen Wert beimessen -: nur eben kaum etwas von dem scheinbar Kostbaren, wie jenen Tropfsteinen, die wir Kinder einst, indem wir sie ihrem Ort entrissen, entwertet hatten. Wie ein gemeinsamer Untergrund all der mehr oder weniger mumifizierten, vorzeitlich gewordenen Dingformen erschienen so, und nicht erst jeweils oben auf der Leiter, die dort in den Kellergemächern allgegenwärtigen Aschen und Sande, die Aschenblüten, Holzaschen, Manganknollen, Brocken vom Meeresboden; und wie die Verbindungsglieder zwischen den Vogelkrallen, Schlangenhäuten, Teppichklopfern, Photoalben, Stechäpfeln usw. die ebenso allgegenwärtigen Büschel und Bündel des sogenannten Unkrauts. Und ich hatte, so im Betrachten, Behorchen und Beriechen, die längste Zeit wieder einmal jenen als eine Art Wahlspruch gewählten Satz des Francis Ponge im Sinn, wie dieser Dichter-Antidichter ihn, sitzend in einer dämmrigen Scheune vor nichts als einer getrockneten Bohnen- oder Zwiebelgirlande, ihn durch ein ganzes, eine eigene Poetik entwerfendes Buch (Pour un Malherbe) sich ständig wiederholt: " Monde muet, notre seule patrie! " Und warum erging es mir da in der Vorstellung, angesichts der tausend angegrauten, ausgebleichten, staubenden, zerfallenden, skelettierten Angeschwemmtheiten (eines-und-unseren Lebens), in ihrer Trostlosigkeit, Kläglichkeit, Zeichenlosigkeit, so umgekehrt wie damals mit den in ihrer Höhle prächtig leuchtenden Tropfsteinen? - Ich stellte mir, dort im Keller, vor, sie würden, ihrer düsteren Vorhölle enthoben, ans Tageslicht gebracht, im Gegensatz zu den scheinwertvollen Stalaktiten und Stalagmiten erst ihren Glanz, nein, ihre Kontur, nein, ihren Platz bekommen. Dazu gehörte freilich, daß diese stumme Welt - so lief der Vorstellungsfilm weiter - nicht für sich allein bliebe in dem lichtschwachen Keller, sondern zusammengebracht würde mit dem Gemachten, dem Gestalteten, Geschaffenen dessen, der sie all die Jahrzehnte hindurch so penibel aufgehäuft und beschriftet hatte - zusammengebracht mit den Werken, den Bildern, den Gemälden des Malers aus der Etage darüber: zusammengebracht? ihnen gegenübergestellt? untergeordnet? eingeordnet? verschwistert? "vergesellschaftet"? Jedenfalls: heraus aus diesem Untergrund mit diesem zwar wie geizig aufbewahrten, zugleich aber grau durcheinandergewürfelten Organischen und Anorganischen, hinaus ins nachbarliche Licht der Werke mit ihnen - so würden sie, nach meiner Vorstellung, zwar bleiben, wie und was sie jetzt waren, aber doch zugleich ganz anders gewürfelt erscheinen. Stumme Welt? Es ging doch ein Takt von ihr aus, oder zumindest ein Knistern.

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