Spediteure des Elends

Sie verkaufen Flüchtlingen illegale Reisen in die reichen Länder Europas. Jeder Krieg bringt Schleusern neue Kunden, jede neue Grenzkontrolle treibt die Preise höher. Ein Report aus den Geschäftszentren der Menschenschmuggler

Er kam am frühen Morgen mit der Fähre aus Brindisi, als der Nebel das Meer in weiße Laken hüllte. Der Anker der Europa I rasselte auf Grund, und die Heckklappe schlug mit einem Donner auf den Kai, wo seine Mutter im schwarzen Kleid stand und auf ihn wartete. Er rollte mit dem ersten Wagen die Rampe hinunter. Die Mutter stieg zu ihrem Sohn und stürzte sich auf seinen Sarg.

Wenn das bleiche Licht des neuen Tages auf Vlorë fällt, schwemmt das Meer die verlorenen Söhne der albanischen Küstenstadt an. Die einen Schutzengel und gut geschmierte Außenborder haben, schlitzen mit ihren Schnellbooten die See auf, entledigt des Treibguts, das auf ihrer Ladefläche kauerte, Tausende Dollars schwer. Die in der Hetzjagd übers schwarze Meer einen Fehler machen, rollen in Leichenwagen aus dem Bauch der Europa I.

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Sie tragen hier einen geschätzten Unternehmer zu Grabe. Andon Kokthi war erst 32, doch die Jungen in der Stadt blickten zu ihm auf. Sie sahen ihm nach, wenn er im gestohlenen Mercedes mit deutschen Nummernschildern über rote Ampeln preschte. Seine Dollars, das wussten sie, verdiente er mit den abgerissenen Gestalten, die am Strand hockten und Plastiktüten umarmten und nach Sonnenuntergang in seinem Boot verschwanden. Kokthi, der Fährmann in die schöne Welt, hatte einen Job und die goldenen Ringe, um es zu beweisen.

Vlorë, Albaniens südliches Tor zur Adria, lebt vom Schleusen illegaler Einwanderer so selbstverständlich wie Wolfsburg von VW. Eine mörderische Dienstleistungsgesellschaft, auferstanden aus den Ruinen von Hodschas kollektiver Einzelhaft. Ihre Paten spielen nach den Regeln der modernen Marktwirtschaft, bieten ein maßgeschneidertes Produkt, wo die Nachfrage groß und die Konkurrenz verwandt ist oder bluten muss. Cash-Flow nie versiegend.

Rings um ein Europa, dessen Grenzen nach innen immer durchlässiger, nach außen aber schwerer überwindbar werden, haben Menschenschmuggler ein Netz gesponnen und sich darauf spezialisiert, Schlupflöcher in den Schengener Wohlstandswall zu drillen. Sie operieren hinter den Fassaden von Hotels, Pizzerien, Goldgeschäften und Cafés mit Meeresblick, und sie kennen kein Problem, nur einen Preis, um es zu lösen. In Albanien und Mazedonien, Tschechien und Slowakei, Ungarn und Rumänien, Marokko und Tunesien - wie Reiseveranstalter haben sie ihre Stützpunkte an den wichtigsten Routen nach Westeuropa positioniert. Spediteure des Elends, die aus jedem Winkel der Erde jene verfrachten, die auf der Flucht vor dem alten oder der Suche nach dem besseren Leben sind. Buchungsklassen inklusive.

Irgendwo ist immer Krieg, foltert immer ein Saddam. Irgendwo plündert immer ein Kleptokrat sein Land. Wenn in Dagestan die ersten Schüsse fallen und im Kosovo erst die Albaner, dann die Roma verjagt werden, ist die Auftragslage gut. Dann steigen die Preise, dann werden ein paar mehr ins Boot geladen, ein paar mehr in den Lkw gepfercht. Und wieder, wie in jeder Nacht, folgt eine Gruppe Menschen einem, der verspricht, sie hinter die Grenze zu führen. Irgendwo auf einer Landstraße in Tschechien, irgendwo in einem Zug zwischen Bukarest und Prag, irgendwo auf der in Finsternis getauchten Adria. Und am Strand von Vlorë fahren die Limousinen der Schleuser vor.

Das Meer wird mit ihnen sein heute Nacht. Sanft und silbern schwappt es in die Bucht, der Wind weht schwach, drei Knoten, Südsüdost. Fünf Schnellboote schaukeln in der Dünung. Die Skipper, die ihre aufblasbaren Torpedos gomone nennen, schrauben im Taschenlampenlicht und rauchen ihre letzten Zigaretten. Am Strand stoppt ein Kleinlaster, aus dem zwei Männer springen, Benzinkanister in ein Holzboot wuchten, hinausrudern zu den gomone und den Treibstoff dieser Nacht verteilen.

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