Südfrankreich, Anfang September 1999

Sehr geehrter Herr Assheuer,

Besonders hat mir Ihr Hinweis gefallen, dass es nach meinem Vortrag in Elmau "in der Philosophenszene rumort" habe. Da ich die einschlägigen Rumor-Philosophen persönlich kenne, kann ich die Tragweite dieser Bemerkung überblicken. Noch besser gefiel mir Ihre Formulierung, dass das Rumoren "allerdings nur hinter vorgehaltener Hand" stattfinde. Dieser Ausdruck ist amüsant, weil er auf eine Sachlage verweist, die anatomisch nicht leicht nachzuvollziehen ist. Wie stellt man es an, hinter vorgehaltener Hand über jemanden zu reden, hinter dessen Rücken man redet?

Es wäre mir aber lieb, wenn Sie mir den Text des von Ihnen rezensierten Vortrags zur Überprüfung überlassen könnten. Mein Wunsch nach einer Gegenlektüre ist leicht erklärt: Ich habe bei mir zu Hause eine Version des von Ihnen fabelhaft dämonisierten Textes liegen, die um vieles blasser ist als Ihr triumphales Referat. Normalerweise suche ich mir die Leute, die mich besser verstehen als ich mich selbst, nach Möglichkeit selber aus, aber mir scheint, dass ich in Ihrem Fall eine Ausnahme machen muss. Gern würde ich Ihr Exemplar mit dem meinen vergleichen, um zu sehen, ob wir dieselben Vorlagen benutzen. In meinem Text heißt es zum Beispiel an einer Stelle, dass Nietzsches züchterische Visionen hysterisch und unangemessen waren und dass sein Konzept des Übermenschen für uns keine Bedeutung mehr haben kann, aber dass er nichtsdestoweniger - wie Plato - ein Zeuge bleibt für das Aufdämmern gewisser "pastoraler" Aspekte in Fragen nach der Fortpflanzung, Erziehung, Medikalisierung und Selbstoptimierung menschlicher Wesen. Ein anderes Beispiel: In meinem Exemplar steht, dass angesichts der aktuellen Durchbrüche in der Biotechnologie ein moralischer Codex formuliert werden muss (ich sage, etwas umfassender, für die "Anthropotechniken") - und ich füge, zu Ihrem Verständnis, hinzu, dass in einem solchen Codex, unter anderem, die Grenze zu ziehen ist zwischen legitimen genmedizinischen Optimierungen für die Einzelnen und illegitimen Biopolitiken für Gruppen. Sie haben offenbar eine surrealistische Version vorliegen, weil Sie lesen, es werde für eine umfassende elitistische Neuzüchtung der Gattung plädiert. In meinen Ohren klingt das nach Science-Fiction, mit biologischer Gotik und soziologischer Schauerromantik kombiniert. Ich würde gern wissen, wer den Ihnen vorliegenden Text so sensationell umgeschrieben hat, dass er jetzt ungefähr das Gegenteil von dem besagt, was in ihm steht? Oder hat vielleicht die vorgehaltene Hand Ihnen Winke gegeben, wie er gegen den Wortlaut zu lesen sei?

Kommen wir zum Modus Ihres Angriffs. Im Prinzip könnte Ihre alarmistische Attacke eine legitime demokratische Funktion ausdrücken. Sollte ich den Unsinn gesagt und gemeint haben, den Sie in meinen Text hineinlegen, so hatten Sie Recht, davor zu warnen. Jede Gesellschaft braucht semantische und physische Alarmsysteme, um sich gegen Angriffe auf ihren Bestand, moralisch oder politisch, von innen oder von außen, zu wehren. Denken Sie, um klassisch zu argumentieren, an die kapitolinischen Gänse, die einst das alte Rom mit ihrem rechtzeitigen Schnattern zu nächtlicher Stunde vor den Galliern gerettet haben. Damit fängt schon alteuropäisch der Alarmismus an. Die Hüter der res publica haben den Gänsen diesen Dienst nicht vergessen. Das kapitolinische Geflügel, das funktional in unserer Presse und unserer Ideologiekritik weiterlebt, hat von da an auch das Recht, Fehlalarme auszulösen, ohne geschlachtet zu werden. Das ist schon gut so. Lieber ein paar Mal zu oft schnattern als einmal zu wenig - als Demokrat bin ich in diesem Punkt auf Ihrer Seite. Wenn ich Unverantwortliches gesagt haben sollte, akzeptiere ich Alarm jeder Art, solange er zum zivilisierten Gespräch führt.

In Bezug auf Ihr Vorgehen, Herr Assheuer, ist aber ein Bedenken anzumelden. Muss man nicht gelegentlich auch vor dem Warner warnen? In meinen Augen sind Sie auf dem besten Weg, selbst zu einer Problemgans zu werden, zum einen, weil Sie so übertrieben auftragen, zum anderen, weil Sie im Auftrag Dritter den Alarm auslösen. Von beidem ist zu reden.

Zunächst: Allen Lesern Ihres Artikels wird auffallen, wie sehr Sie den Alarm ästhetisiert haben. Das weckt sofort einen gewissen Verdacht: Haben Sie vielleicht den l'alarme-pour-l'alarme für sich entdeckt? Sie rauschen daher wie eine gefiederte Entrüstungsdiva, die ständig nach der Publikumsreaktion schaut.