Lieber Peter Sloterdijk,

lange schon lese und schätze ich Sie als glänzenden philosophischen Essayisten mit zeitdiagnostischem Gespür und politischem Biss. Die Kritik der zynischen Vernunft war als Erstlingswerk ein großer Wurf, und die nachfolgenden Publikationen sind würdig in seine Fußstapfen getreten. Mir schien dies Buch ein Höhepunkt dessen, was man die Neue Verständlichkeit nennen könnte. Hier begann eine Generation jüngerer Kulturtheoretiker von der gewundenen Dornigkeit, von der Manieriertheit des bis dahin tonangebenden Adorno-Jargons sich abzusetzen, und selbst das rhetorische Dunkel der neufranzösisch-neostrukturalistischen Texte begann sich zu lichten. Mit Theweleits Männerphantasien hatte die Bewegung begonnen, Hans Peter Duerrs Mythos vom Zivilisationsprozess lag in der Linie; und Sie haben mehr als beide gezeigt, dass intellektuelle Substanz und Bildung nicht mit der Unbegabung zu einer auch ästhetisch anmutenden Darstellung verbunden sein müssen. Die Sphären liefern dem von der Sinnenfeindlichkeit der Philosophie Abgestoßenen einen willkommenen Orbis pictus. Ich habe Freunden gelegentlich gesagt, ich finde bei Ihnen eine intellektuelle Sensibilität am Werk, die die schrillen Töne meidet und tiefer als andere in die Nuance eindringt, die unversehens zur Hauptsache wird.

Ihre Elmauer Rede ist ein merkwürdiges rhetorisches Gebilde: ein raunendes Geschweife und Geschwefel, ein pointeloses Flirten mit verfänglichen Materien, die sich todsicher zur Publikumsprovokation eignen. Dem Vortrag eine klare These, eine Überzeugung, gar eine rationale Handlungsempfehlung abzugewinnen ähnelte der Mühe, einen Pudding an die Wand zu nageln. Aber Sie ersetzen ziemlich geschickt den Mangel an Argumenten durch die Faszination, derer Sie sich sicher sein können, wenn Sie die eugenischen Züchtungsfantasien von Platon und Nietzsche anspielender- oder beschwörenderweise und mit düster-prophetischem Ernst für Aufgaben erklären, die das Sein uns, der heutigen Menschheit, stellt. Das ist ärgerlich oder beunruhigend, nicht wegen der Sache, sondern wegen der Art, wie Sie sie präsentieren. Anlass für einen Skandal sehe ich indes nicht, eher das Misslingen einer groß inszenierten Absicht. Dagegen liefert Ihre verschiedenerorts nachgeschobene Beschönigung, Ihr Rettungs- oder Erklärungsversuch, einigen Anlass zu intellektuell-moralischer Empörung; ich meine besonders Ihre Abrechnung mit Ihren Kritikern in der Frankfurter Rundschau vom 31. Juli sowie Ihre offenen Briefe an Thomas Assheuer und Jürgen Habermas in der ZEIT.

Ein merkwürdiges Hysteron-Proteron: Erst kommt Ihre Selbstauslegung (mit Nietzscheschen Freiheiten in der Durchführung: "Zurechtschieben, Abkürzen, Weglassen, Ausstopfen, Ausdichten, Umfälschen und was sonst zum Wesen alles Interpretirens gehört"), dann der Vortrag selbst. Der logisch nachgeordnete, zeitlich frühere Vorgang beginnt inzwischen mit Recht mehr Aufmerksamkeit zu erregen als der Auslöser der ganzen Affäre; denn secundo loco erklären Sie gleich die gesamte (neuere?) Kritische Theorie und den in ihr verkörperten Geist kritischer Geltungsprüfung für tot. Das amüsiert einige wegen des intellektuellen Missverhältnisses zwischen Angreifer und Angegriffenem, so mich. Andere, die auf das Wahrwerden Ihrer kühnen Behauptung schon lange hoffen (wie die konservative FAZ am 13. September), sind Ihnen offen dankbar für die ebenso angenehme wie unerwartete Nachricht. Wieder andere stimmen fröhlich mit ein in den von Hegel prophezeiten Ausbruch der Volksfreude bei der Nachricht über den Untergang der Philosophie - na ja, einer bestimmten und ernsthaften Ausprägung derselben. (Doch wenn ich nicht fehlgehe, halten Sie sich immer noch für einen Philosophen oder wenigstens in nachheideggerianischer Zeit für einen, den die Dinge in den "Taumel des ursprünglichen Denkens" reißen. In diesem Taumel zeigt sich Ihr Elmauer Vortrag.)

Ich gliedere meinen Antwortbrief in zwei Teile. Mein erster Abschnitt reagiert auf Ihre Elmauer Rede, der zweite auf Ihre Toterklärung der Kritischen Theorie.

Erstens. Der Kern Ihrer Rede, so wie ich sie verstehe: Heidegger hat den Humanismus wie so viele Denker seiner Generation (auch Karl Barth gehört zu ihnen) zu überwinden versucht - das sei ihm, denken Sie, gutgeschrieben. Er hatte schon in Sein und Zeit Philosophie nicht mehr vom Subjekt, dem Agenten der Menschlichkeitsideologie, sondern vom Sein aus zu begründen unternommen. Aber noch hielt das "Dasein" - der fundamentalontologische Nachfolgebegriff für "Subjekt" oder "Mensch" - eine bedeutende Stellung, die auch in den Schriften nach der "Kehre" nicht aufgegeben wird. So bleibt das Dasein im Brief über den ,Humanismus' zwar "nicht der Herr des Seienden", wohl aber der "Hirt des Seins". Diese ontologische "Pastorale" gilt es nunmehr - meinen Sie - durch Radikalisierung der Absage an den Humanismus zu entharmlosen, aber ebenso, dass keinerlei Moral die Berufung des Hirten zur Wahrung seiner Wahrheit normativ anleitet. Das wäre ein Rückfall in den zahmen Humanismus. Darum ist es irreführend, wenn Sie Ihre Vortragsintention nachträglich als moralisch - etwa als bioethisch - darstellen. Der Hirt nimmt seine Hüterstellung so wahr, dass ihm die Gebote des Seins unverfüglich und unwidersprechlich zugeschickt werden. Die kämpferischen Worte, mit denen Sie für den angedeuteten Umschwung werben, lauten ungefähr: Die Menschheit werde aus der "humanistischen Harmlosigkeit", die wesentlich moralische Basen hat, an den "Ort der Entscheidung" gerufen. Damit schaffen Sie Raum für Ihre eigentliche Frage, mit der Sie uns aus unserem anthropologischen Schlummer wachrütteln: "Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?"

Solches Fragen ist natürlich am besten aufgehoben bei einem weit radikaleren Amoralisten und Antihumanisten ("Oh Humanität! Oh Blödsinn!"), der zwar nicht, wie Heidegger, aus der Wahrheit des Seins, wohl aber aus der jenseits von Gut und Böse operierenden Kraft des Homo natura , des Raubtiers , der Bestie , argumentiert. Eine für Sie wesentliche Gemeinsamkeit beider Denker liegt in ihrer entschlossenen Abweisung aller normativen Skrupel. Der eine orientiert sich, wie gesagt, an den rational nicht rekonstruierbaren Schickungen/Lichtungen eines unverfüglichen Seins; der andere an, wie er sie nennt, "physiologischen Zwängen", die ebenso wenig vernünftig hinterfragbar sind. Die "gattungspolitische Entscheidung", vor die "der Mensch von heute" gestellt sei, betreffe nämlich die "Züchtung eines höheren Typus ,Mensch'". Züchtung ist eine der natürlichen Zuchtwahl abgelernte Technik, und die "Anthropotechniken", von denen Sie - gut foucaultianisch - sprechen, haben nichts zu tun mit traditioneller Erziehung; sie erfolgen vielmehr zielblind nach dem Gesetz der Bestanpassung an den Lebensraum. Einmal auf dieser Ebene angelangt, hat man natürlich gelassen den "Kampf" zwischen zwei Züchtungsprogrammen ins Auge zu fassen, die Sie als Klein- und Großzüchtung unterscheiden. Jene hat als Zuchtziel den kleinen, den "harmlosen" Menschen, seine auf Erziehungsprozessen beruhende Kultivierung, Hominisation oder Domestikation (Nietzsches "Verhaustierung"). Was die Großzüchter im Sinne haben, geben Sie selbst als den "Übermenschen" an. Die Großzüchter sind also "Superhumanisten"; und der Supermensch ist das Ergebnis einer vorausschauenden, einer planerischen Vorwärtszüchtung, die die Humanitas des Herdentiers genetisch prospektiv überwindet.