Nun hat also die Erregung über Sloterdijks Vortrag sogar bewirkt, dass er in der vorigen ZEIT abgedruckt worden ist, unverdientermaßen, finde ich, denn der Text ist assoziativ und weder nachdenklich noch argumentativ. Nun muss man sich also mit ihm auseinander setzen.

Er lässt sich etwa so zusammenfassen:

2. These: gesehen werden, dass die Funktion des Humanismus darin bestand, das "Wilde" der Menschen zu "zähmen"; diese Aufgabe

3. These: müsse jetzt von einem Programm genetischer Züchtung wahrgenommen werden.

Es war natürlich der dritte Punkt, der Befremden und Bestürzung hervorrief. Sloterdijks Reaktion auf die Kritiken, die in der Presse erschienen, war: Man habe nicht richtig gehört und gelesen. Außerdem fand sich in einem offenen Brief in der ZEIT Jürgen Habermas unversehens von einer Flut von Vorwürfen, Gehässigkeiten und Anbiederungen übergossen, mit der Begründung, er sei an allem schuld und habe die Kritiken veranlasst. Damit habe er ihn, den armen Peter Sloterdijk, "verdinglicht", er habe ihn zu einem "ausgedehnten Ding" gemacht und so das Grundprinzip seiner eigenen Dialogischen Theorie verletzt; habe er doch über ihn statt mit ihm gesprochen, und so sei "die Kritische Theorie an diesem 2. September gestorben". Was für ein Quatsch.

Die Moral als ein Set von Normen ist etwas Kulturelles

Eine Person wird nicht schon dadurch verdinglicht, dass man sie in der dritten Person kritisiert, und es ist gewiss ein Irrtum zu meinen, der Diskurstheorie zufolge dürfe man immer nur in der zweiten Person sprechen. Wo kämen wir hin, wenn Kritik immer zuerst das Placet des Autors einholen müsste? Im gegenwärtigen Fall ist anzunehmen, dass Habermas wohl der Meinung war, Sloterdijks Vortrag sei nicht nur schlecht und irrig, sondern politisch problematisch. War er dann nicht, selbst wenn er sich objektiv getäuscht haben sollte, subjektiv geradezu verpflichtet, andere auf ihn aufmerksam zu machen?