Engel im Netz
David Bowie verkauft seine neue CD im Internet. Erfindet die Popmusik als Videospiel. Und gewinnt, ganz nebenbei, das Herz der Melodie zurück
Der Mann fleht uns inständig an, ihm unsere Seele zu schenken, ihm zu helfen bei seiner Rückkehr ins Paralleluniversum, nach Omikron . Und wir folgen ihm, streifen durch eine fremde Stadt, bewegen uns frei, wohin wir wollen - links, rechts, links, links. In ein Apartment, in dem uns eine schöne Frau erwartet, seltsam vertraut und doch unbekannt, dann durch leere Straßen, durch Rotlichtbezirke - links, rechts -, endlich die Tür aufstoßen - eine Bar, in der der jungenhafte, halb nackte David Bowie tanzt! Mechanisch sind seine Züge, nur sein Mund ist belebt. Er senkt den Kopf, und die Fratze des Alters starrt uns aus den Haaren an. Er singt. The Dreamers . Ein Poptraum als Virtual Reality!
Ein Science-Fiction-Szenario aus dem neuen Video-Game The Nomad Soul - Omikron , in dem David Bowie als computeranimierter 3-D-Star erscheint und als Retter im Kampf gegen das Böse - ein good guy in den Blade Runner- Kulissen einer neuen Orwell-Welt. Beinahe nahtlos verschmelzen da Video-Game und Popmusik, The Nomad Soul und die CD Hours ... Doch damit nicht genug: Dazu kreiert Bowie einen Internet-Auftritt, der den Musikmarkt beeinflussen wird. Wo andere das Internet als Medium der Subversion und Befreiung vom Diktat der Labelgiganten benützen und - wie die HipHop-Oldies Public Enemy - das neue Album kostenlos ins Internet stellen, präsentiert sich der "singende Schauspieler" (Bowie über Bowie), der Archetyp des musikalischen Marionettenspielers, wieder einmal prophetisch profitkonform. Geld und Kunst sind keine Widersprüche. Andy Warhol hieß nicht umsonst einer der schönsten Songs des frühen David Bowie.
Zähneknirschend gesteht der Handel, er würde doch lieber an traditionellen Methoden fest halten, "aber dies ist die Zukunft, und wir müssen ..." Man nickt. Die Tür, die einer der Großen der Popmusik aufgestoßen hat, werde sich nicht mehr schließen lassen. Was mit dem Tod der Schallplatte als Gesamtkunstwerk begonnen hat, wird via Plastikkultur der CD-Verpackung endgültig zum Verschwinden des Tonträgers als haptisches Erzeugnis führen. "Hoffentlich gibt es ein ganz schönes Cover mit vielen Bildern", meint die Dame von der urplötzlich um Jahrzehnte gealterten Presseabteilung. Da steht er nun, der PC mit David auf der Festplatte.
Schreckt uns diese Kälte? Trifft dies irgendjemand ins Herz? Mal abgesehen von den unerschütterlichen Romantikern, die sein Rock 'n' Roll Suicide noch immer frösteln lässt. Vielleicht, weil Bowie in jener magischen Verbindung aus dem Erahnen von Trends und deren perfekter Umsetzung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur mit Miles Davis vergleichbar war. So wie dieser ständig neue Hintergründe für seinen Ton brauchte, nichts mehr hasste, als sich zu langweilen, so suchte Bowie vampiristisch nach frischen Musikern, zwischen Benützen und Beschützen lag oft nur ein Taktstrich. "Die meisten Musiker sind faule Ärsche - wie die meisten Kritiker", brummte Miles Davis und begeisterte sich für den Sound von krachendem Blech und den Rhythmus von Prince. "Das Internet ist das Medium der Zukunft", erklärt David Bowie, preist Tricky, bewundert Nine Inch Nails und verwendete Drum 'n' Bass auf seinem letzten Album - wenn's der Selbsterregung dient.
Was also liegt näher, als ihn zum Inbild ewiger Jugend zu wählen, zum Engel, der uns mit einer Berührung von der Unbill des Alters befreit, von den grauen Haaren, der hängenden Haut und dem Alles-schon-gehört-Gefühl: wie er als männliche Greta Garbo seinen Hunky Dory sang, als Transvestit mit Eyeliner den Ziggy spielte, Frankieboy zum Young Americans- Soul aus Los Angeles gab, als Thin White Duke selbst das Neonlicht wie Kerzenschein wirken ließ. Und wie er dann aber auch das Altern immer spielerisch inszenierte: als Major Tom, als Vampir in Begierde, als Mann, der vom Himmel fiel. Der Engel stirbt, wenn er der Erde zu nahe kommt. Er hat es gespielt und sich davon erlöst.
Ach! Und die Musik? Diese Melodien, diese Stimme, dieser Stil! Doch kaum jemand wird einen David-Bowie-Titel aus den letzten zehn Jahren nennen, gar singen oder summen können. Seit Absolute Beginners von 1986 hat er sich aus den Hitparaden verabschiedet. Bestenfalls bleibt ...? Wir lieben seinen Stil, hören selten die Musik, verfolgen seine Strategien, kaum sein Werk. Bowie ist zum Abbild des Zeitgeistes geworden, der Markenartikel ist an die Stelle seiner Musik getreten. Seine letzten CDs wurden veröffentlicht, einmal gehört, ob ihrer Modernität gelobt, vergessen. Nur an der Oberfläche blieb man haften: Iman, das Model als Ehefrau, Bowie, der Sänger als musikalischer Ehrendoktor, Bowie, der Copyright-Eigner an der Börse - Nachrichten, die das Produkt als Namen verkaufen, vice versa. Doch wer wollte sich noch erheben lassen von dieser Musik, wer weinen, sich lieben, wer tanzt, wer träumt? Fast neigte man dazu, den Skeptikern nachträglich zuzustimmen, jenen Verfechtern der ungebrochenen Authentizität, die den Künstler lieber am Musikgeschäft und dem für alle Zeiten festgeschriebenen Image ersticken sahen, als ihm eine manipulative Rollendistanz zu gestatten. Möglicherweise ist die Festplatte inzwischen doch der passende Platz für Bowies Musik. Runterladen, Wegklicken.
Und dann, jetzt, der freudige Schock: Hours ... - die altvertraute, dramatische Stimme schwingt sich über Streicher und Rockband empor, vergisst die zeitgemäßen Musiktrends und Clubszenarien, lehnt sich an akustische Folkgitarren und wispernde Background-Sängerinnen an, wählt wieder die große Geste. Ah! Ziggy Stardust . Ah! Station to Station. Ah! Heroes. Ah! Scary Monsters. Beinahe mag man sein Glück nicht glauben, Stil um Stil, Kostüm um Kostüm singt er seine Vergangenheit, verliebt in jene unterirdischen, verqueren Instrumentalströme, die die Melodien kreuzen.
- Datum 30.10.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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