Um es gleich vorweg zu sagen: Wer sich auf Elementarteilchen, den erstaunlichen und gewichtigen zweiten Roman des als Skandalautor gehandelten Michel Houellebecq, einlässt, muss mit einer Verstörung rechnen. Einer Verstörung, die in dem Maße zunimmt, wie die reale Entwicklung voranschreitet. Eben noch in die fiktive Utopie einer geklonten Zukunftsspezies versetzt, hört man auch schon ihr wirkliches Echo im Jetzt: Als wäre er eine Erfindung dieses Autors, denkt Peter Sloterdijk öffentlich über einen Moralkodex für die Biotechnologie unter Anleitung der deutschen Philosophie nach.

Das Thema Biogenetik ist derzeit offenbar immer für einen Eklat gut. Kein Wunder also, dass auch in Frankreich die Wellen der Empörung hochschlugen, höher noch als die hierzulande von Sloterdijks Vortrag Regeln für den Menschenpark ausgelösten, als das Buch dort vor einem Jahr erschien. Von der "größten Literaturdebatte seit Menschengedenken" wurde gar gesprochen, Houellebecq als reaktionär und faschistoid beschimpft, seine Visionen und seine wilden Attacken auf den Geist von 68 wurden als Symptome einer infantilen Regression gegeißelt. Die im selben Verlag erscheinende Literaturzeitschrift Perpendiculaire, zuvor eng mit dem Autor verbunden, distanzierte sich, worauf der Verlag sich wiederum von der Zeitschrift distanzierte und sie aus dem Programm nahm. Le Monde publizierte kurz darauf ein Manifest, in dem Elementarteilchen zum Ausdruck einer "Neuen Tendenz" erklärt wurde, was schließlich zu einer wochenlangen Serie besorgter Stellungnahmen von Kollegen führte.

Man schreibt etwa das Jahr 2080. Die letzten nicht gentechnisch gezeugten Menschen sind am Aussterben. Sie tun es friedlich, ja mit "insgeheimer Erleichterung". Und es ist an der Zeit, Rückschau zu halten auf die Endphase der westlichen Zivilisation, die zugleich Übergangsphase zur "dritten, in vieler Hinsicht radikalsten metaphysischen Wandlung" der Weltgeschichte nach Christentum und Neuzeit ist. Insofern ist der Roman eine Art Sozialgeschichte über das Europa der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Sicht der künftigen neuen Spezies. Im Stil einer mit Biologismen unterfütterten soziologischen Studie wird sie uns anhand des Lebens zweier Ende der fünfziger Jahre geborener Halbbrüder vorgeführt. Zum anderen haben wir es mit einer Hommage auf Michel Djerzinski, einen der beiden Brüder, zu tun, der so etwas wie der Albert Einstein der kommenden Molekularbiologie ist und dessen theoretische Arbeiten die stattgefundene biologische Revolution einleiteten. Über allem aber schwebt die quasi historische Frage nach den Gründen für diesen endgültigen Untergang des Menschen, der in unseren Tagen besiegelt wird.

Poetische Anteilnahme, pessimistische Provokation

Dieser Roman besitzt zwei literaturhistorische Anknüpfungspunkte, einen offenen und einen verborgenen. Sie zu kennen hilft, seine irritierend zwischen Wissenschaftsbericht, poetischer Anteilnahme und kulturpessimistischer Provokation oszillierende Erzählstruktur zu erhellen. Ziemlich genau in der Mitte des Buchs wird ein direkter Bezug zum berühmten Zukunftsroman Brave New World hergestellt. Aldous Huxleys Voraussagen von 1932, lässt Houellebecq Bruno Clément, den Bruder Michels, im Jahr 1998 sagen, haben sich als "unglaublich zutreffend" erwiesen. Wir leben heute tatsächlich in einer Gesellschaft ohne Ethos, die ausschließlich damit beschäftigt ist, die Befriedigung unserer Bedürfnisse zu verwalten. "Es herrscht völlige sexuelle Freiheit, die persönliche Entfaltung und die sinnliche Begierde werden durch nichts mehr eingeschränkt." Doch obwohl wir uns der Vision Huxleys so sehr angenähert haben, sind wir doch von der vermeintlich daraus resultierenden, ruhig gestellten, aber "glücklichen Gesellschaft" unendlich weit entfernt. Denn in einem entscheidenden Punkt, sagt Bruno, hat Huxley - wie alle Philosophie vor ihm - sich geirrt. Man könne das Leid nicht aufheben, indem man alle Begierden stillt. Im Gegenteil würden diese dadurch erst recht unentwegt angestachelt. "Er hat nicht begriffen, daß Sex, sobald man ihn von der Zeugung loslöst, nicht so sehr als Lustprinzip, sondern vielmehr als Prinzip narzißtischer Unterscheidung fortbesteht." Die Folge sei ein brutaler sexueller Wettbewerb auf dem Niveau von Rangordnungskämpfen im Primatenrudel.

Insofern erscheint nicht nur Bruno, sondern erschien auch dem Autor eine Korrektur von Huxleys Negativutopie erforderlich, die er mit Elementarteilchen vorgelegt hat. Insofern auch ist der Roman in seinen Feldforschungen und statistischen Erhebungen zur Zeitgeschichte auf diesen einen vernachlässigten Aspekt konzentriert: die Entwicklung der westlichen Welt zu einer vollständig vom "Libidinal-Massenkonsum nordamerikanischen Ursprungs" durchdrungenen "Marktgesellschaft". Im Klartext heißt das, Houellebecq schreibt an einer Soziologie der Liebe von den fünfziger Jahren bis herauf in die Gegenwart. Besser gesagt: Er beschreibt die Geschichte ihrer Zerstörung. Eine flächendeckende "Verführungsindustrie" habe sich in dieser Zeit durchgesetzt und die "letzten Zwischenstufen, die das Individuum vom Markt trennten", ausgemerzt. Und er schildert diesen Prozess anhand der Biografien von Bruno und Michel, die in symptomatischer und exemplarisch zugespitzter Form für die Konsequenzen dieser Zerstörung stehen: die totale Sexualisierung oder Desexualisierung des Daseins.

So ist Elementarteilchen über die weitaus längste Strecke vor allem auch ein Entwicklungs- und Generationenroman. Beginnend mit der Kindheit der Protagonisten und zurückblickend auf die Geschichte ihrer Eltern und Großeltern, berichtet er von der fortschreitenden Abstumpfung ihrer Liebesfähigkeit im Kontext von sexueller Befreiung, von der "Apologie der Jugend" und der Vernichtung aller "jüdisch-christlich geprägter moralischer Werte". Mit dem Individualismus, so Houellebecqs Befund, der in Wahrheit nur ein anderes Wort für blanken Egoismus ist und die letzten Reste sozialen Empfindens gelöscht hat, wurde nach und nach jedes "Zärtlichkeitsbedürfnis" durch einen eigensüchtigen "Verführungsdrang" ersetzt. Und nur die rudimentäre Erinnerung an jene Wurzel der "Liebe, Zärtlichkeit und Brüderlichkeit" macht "es so schwer zu verzweifeln".