Korrekturen an der Schönen Neuen WeltSeite 3/3
Auch in Elementarteilchen werden Motive aus Der erste Mensch direkt übernommen. Bruno wächst wie Camus' autobiografisch angelegter Held Jacques Cormery bei der Großmutter in Algier auf. Michels Vater stirbt ebenfalls früh in der Fremde. Die Mutter der beiden ist ähnlich abwesend in ihrer Anwesenheit und auf ihre Weise auch Analphabetin - eine Analphabetin der Liebe nämlich. Hier fungieren die Bezüge allerdings in erster Linie als Anspielungen und Hinweise. Denn vor allem architektonisch stehen die Romane in enger Verbindung. Wie dort die Geschichte der ersten Jahrhunderthälfte soll hier diejenige der zweiten erzählt werden - entlang von Einzelleben, angereichert mit historischen und soziologischen Exkursen. So wird der Friedhof in beiden Büchern fast zwangsläufig zum zentralen symbolischen Ort, des Aufbruchs bei Camus, der Agonie bei Houellebecq. Und dem Nichts der algerischen Arbeiterwelt zu Beginn des Jahrhunderts, aus dem allmählich der erste Mensch hervorgeht, korrespondiert an dessen Ende das Alles der Marktgesellschaft, in dem dieser wieder untergeht.
Dem Menschen in der Ohnmacht bleiben nur noch Aufschrei und Poesie - die Wörter aber "sind ihrem Wesen nach dem Schrei gleich". Von hier aus ist der Weg nicht mehr weit zur Gedankenwelt der deutschen Frühromantik, auf die Houellebecq sich in seinem gleichzeitig erschienenen Essayband Die Welt als Supermarkt ausdrücklich beruft. Schopenhauer, nicht mehr Nietzsche, meets Camus am Ende des Jahrtausends. Und Houellebecqs Liebe gilt Novalis. Dass er den Leser eher wie ein zeitgenössischer E. T. A. Hoffmann mit seinen Prosaalbträumen allein lässt, steht dazu bekanntlich nicht im Widerspruch.
Darum auch ist es alles andere als Zynismus, wenn es am Schluss der verstörenden Elementarteilchen heißt: "Dieses Buch ist dem Menschen gewidmet."
Die Welt als Supermarkt. Interventionen; aus dem Französischen von Hella Faust; 120 S., 34,- DM
Beide im DuMont Verlag, Köln 1999
· Michel Houellebecq: Elementarteilchen Aus dem Französischen von Uli Wittmann; 360 S., 44,- DM
- Datum 30.10.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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