Wann immer ein Soldat der Wehrmacht erschossen wurde, brandete im voll besetzten Kino am Londoner Leicester Square lauter Jubel auf: Ob Steven Spielberg weiß, welche Emotionen sein Kriegsepos Private Ryan bei jungen Engländern freisetzt?

Diese Gefühlsausbrüche sind keineswegs ein isoliertes Phänomen. Wer sich umhört, erfährt Alarmierendes. Kinder aus englisch-deutschen Mischehen, völlig anglisiert und ohne einen Hauch von Akzent, werden von Mitschülern gehänselt und ausgegrenzt. Schüler der Deutschen Schule im Londoner Stadtteil Richmond haben immer wieder erleben müssen, dass sie auf der Heimfahrt im Bus von englischen Jugendlichen als "Nazis" beschimpft wurden. Andere versuchten vergeblich, im Fußballclub Freunde zu gewinnen, wo sie sogar der Trainer nur als "Hitlerboys" titulierte. Viele deutsch-englische Ehepaare mit Sprösslingen im schulpflichtigen Alter kennen solche Erfahrungen, von denen sie nur zögernd berichten; sie wolle "nicht noch Öl ins Feuer gießen", sagte mir eine Mutter. Im Sommer 1996, nach der Ausstrahlung einer Fernsehdokumentation für die BBC, in der ich den Gründen für die wachsende Germanophobie auf der Insel nachgespürt hatte, erreichte mich eine Flut von Briefen, Faxen und Telefonaten. Deutsche, die seit Jahren im Lande leben und sich integriert geglaubt hatten, klagten über die Feindseligkeit ihrer Umgebung. Im Verlauf der neunziger Jahre seien einstmals freundliche Nachbarn auf Distanz gegangen; im Briefkasten fanden sie immer wieder Zeitungsartikel, zumeist aus bürgerlichen Blättern wie Daily Mail , Express und Daily Telegraph , gespickt mit antideutschen Tiraden und Vorwürfen wie "Briten müssen wegen EU für das deutsche Rentendefizit aufkommen".

So schlimm war es nicht immer. Bis Ende der achtziger Jahre bezeichneten die Briten die Deutschen als ihre besten Freunde in Europa. Diplomaten schwärmten damals von der "stillen Allianz", trotz der Antipathie zwischen Margaret Thatcher und Helmut Kohl. Doch als Gallup 1992 das letzte Mal nach den "besten Freunden der Briten" fragte (mittlerweile will es niemand mehr so genau wissen), nannten statt 28 nur noch 12 Prozent der Befragten die Deutschen. Auch das Vertrauen in den Alliierten am Rhein ist verloren gegangen. 1986 äußerten 28 Prozent "großes Vertrauen", nur 18 Prozent besaßen "überhaupt kein Vertrauen". Die Zahlen vom Oktober 1995 indes signalisierten eine scharfe Wende: Nur noch 10 Prozent "vertrauen" den Deutschen, 35 Prozent besitzen "überhaupt kein Vertrauen". Zugleich wuchs die Angst vor einer Renaissance des Nationalsozialismus. 1977 rechneten schon 23 Prozent damit, 1992 war diese Zahl auf 53 Prozent hochgeschnellt und hat sich seither dort eingependelt.

Die guten Deutschen, das waren die geteilten Deutschen

Der Grund für den tief greifenden Stimmungsumschwung ist, das dürfen wir vermuten, das Ende der Nachkriegsordnung, in der das geteilte Deutschland in ein europäisches Sicherheitssystem eingebunden war. Die guten Deutschen, das waren eben die geteilten Deutschen.

Nun stimmt es, dass die Briten, allen voran ihr größter Stamm, die Engländer, von jeher recht deftig mit anderen Nationen umspringen. Ob Frogs, Dagos, oder Whops - also Franzosen, Spanier oder Schwarze-, sie alle kriegen ihr Fett weg. Aber wir Krauts nehmen in der Dämonologie unbestreitbar eine Sonderstellung ein. "Krautbashing" sei allgegenwärtig, erzählte mir ein englischer Freund, den sein Beruf als Computerfachmann in zahllose Unternehmen im Großraum London führt. Vieles schwingt mit: ein Hauch von widerwilligem Respekt, ein bisschen Neid und sicher auch Furcht. Englische Fußballanhänger verschaffen sich Erleichterung nach Niederlagen ihres Teams gegen Deutschland mit einem trotzigen "Zwei Weltkriege und eine WM". In feineren Kreisen, in denen man Rugby und Cricket bevorzugt, wird die subtile Form der Auseinandersetzung gepflegt, indem man Noel Cowards ironische Aufforderung "Don't be beastly to the Hun" genau so befolgt, wie sie gemeint war.

Gewiss, zunächst einmal werden die staatlichen und ökonomischen Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien von Veränderungen der Stimmungslage nicht direkt berührt. Das mag ein Grund dafür sein, dass die Eliten an Themse und Rhein das Ausmaß der Vereisung lange Zeit überhaupt nicht wahrnahmen oder wahrnehmen wollten. Es ist allerdings fraglich, ob BMW sich zum Kauf von Rover entschieden hätte, wäre man vorher auf die Idee gekommen, das psychologische Profil des typischen Rover-Fahrers auszumachen: Er ist das Gegenstück zum Mann mit Hut im Mercedes, nationalkonservativ und so patriotisch, dass er sich unbedingt für ein notorisch anfälliges, miserabel konzipiertes Auto entschied, allein weil es von einem britischen Unternehmen produziert wurde. Es war von vornherein klar, dass ein Teil der Rover-Klientel nicht einmal einen deutlich verbesserten Wagen kaufen würde, denn die Firma befindet sich nunmehr ausgerechnet in deutscher Hand.