Das College im Kopf

Eine Privatuniversität will den Bildungstraum verwirklichen von Sabine Etzold

Sollte ausgerechnet der Gründungsboom von Privathochschulen schuld daran sein, dass eine private Universität der besonderen Art nun nicht gegründet werden kann? Wo auch immer die Erfinder des European College of Liberal Arts (Ecla) vorsprechen - bei Stiftungen, Länderregierungen oder Wirtschaftsunternehmen -, ergeht es ihnen wie im Märchen von Hase und Igel: Stets war schon jemand da

fast jeder infrage kommende Sponsor hat bereits "seine" Privatuniversität unter Vertrag - und alle brauchen ständig Geld.

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Dabei unterscheidet sich das geplante europäische College völlig von all jenen Neugründungen, die den Namen Universität meist zu Unrecht tragen

als Ein-Fach-Unternehmen bieten sie oft nur einen Ausbildungsgang auf internationalem Niveau für ausländische Studenten an. Ecla aber strebt - dem Vorbild angelsächsischer Colleges folgend - nach universitas im Sinne abendländischer Bildungstradition von Platon bis Humboldt.

Seine geistigen Urheber sind selbst versprengte Kinder dieser Tradition, die im Ursprungsland der Humboldtschen Universität, in Deutschland, nie richtig Fuß gefasst hat. Stephan Gutzeit, Olaf Amblank und Sebastian Simsch, die den Ecla-Vorstand bilden, sind ihrem Bildungsideal im Ausland begegnet. Nach der Schule wanderten sie an amerikanische oder britische Spitzenuniversitäten wie Stanford, Harvard, Oxford aus und ließen sich vom Bildungsprogramm der Colleges überwältigen. Mittlerweile sind sie um die 30, wieder zurück und bei McKinsey oder Philips untergekommen. Was sie gemeinsam umtreibt, ist eine abgrundtiefe Verachtung für das heruntergekommene deutsche Hochschulsystem. Anstelle neuhumanistisch gebildeter Generalisten bringe es allenfalls stromlinienförmige Fachidioten hervor. Leistungsfeindliche Strukturen, Unterforderung der Studenten bei gleichzeitig stärker werdender Spezialisierung und Isolierung der Fächer, Lähmung und Vermassung durch Bürokratie und Übergröße, Stagnation und Sterilität - ein wahlkämpfender Hochschulminister hätte seine Freude an dem Vokabular der Ecla-Visionäre.

Aber auch die neuen Privaten bekommen ihr Fett weg. In Fächern wie Jura, Informatik oder BWL werde reine Wissensvermittlung an die Stelle von Wissenschaft und forschendem Lernen gesetzt. Und selbst da, wo mehr versucht werde, wie in Witten/Herdecke oder an der neuen Bremer Hochschule, sei entweder das Fächerspektrum zu schmal, oder das Ganze kranke an chronischem Missmanagement.

Im neuen College aber sollen durch Wissenschaft und Gemeinschaftsleben "Persönlichkeiten" gebildet werden. Die Zukunft nämlich gehöre nicht hoch spezialisierten Fachleuten, sondern "flexiblen, praxisorientierten, wissenschaftlich geschliffenen Generalisten". Folglich heißt die Ecla-Losung: "über Harvard zu Humboldt zurückkehren". Und da solche im amerikanischen Universitätssystem durchaus fest verwurzelten Einsichten an deutschen Unis besonders unter dem herrschenden Modernisierungsdruck keinerlei Platz hätten, müsse eben ein eigenes College her.

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