Clarissa war bisher nur einmal richtig glücklich. Und zwar während des Rendezvous mit ihrem Traumprinzen, einem sonnengebräunten Beau aus irgendeiner Vorstandsetage, der dann nie wieder von sich hören ließ. Seither: Ödnis in Clarissas Leben. Wird sie je wieder glücklich sein? Viele Abenteuer muß sie bestehen, ehe sie merkt, dass sich das Leben auch ohne Traumprinz lohnt. Leider sind Clarissas Abenteuer alles andere als aufregend. Sie erschöpfen sich in anonymen Plaudereien am Computer und den Kapriolen ihres Pinschers Corky.

Clarissa - wahlweise auch Sonja oder Mandy - gehört zum Typus der jungen, häufig aus puren Gefühlswallungen bestehenden Figuren, die mein Büro im Rowohlt-Verlag bevölkern. Sie warten hinter der Tür, sitzen auf dem Fensterbrett und füllen die Regale. Besonders nach Feiertagen. Da haben ihre Schöpfer noch schnell ihre Romane beendet, die letzten Gedichte gereimt, die Mörder ihrer gerechten Strafe zugeführt. An den Montagen danach belagern sie dicht gedrängt den Schreibtisch und fordern Aufmerksamkeit. Wie etwa John MacGuire. Sein Colt krachte. Zwei Schüsse lösten sich aus seiner Trommel. Hu, noch mal davongekommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Clarissa oder MacGuire mehr Lesern bekannt werden als vielleicht zehn Bekannten ihrer Erfinder, liegt bei unter einem Zehntel Prozent.

Wieso eigentlich? Junge deutsche Schriftsteller erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit. Debütanten haben echte Chancen, wenn nicht reich, so doch zumindest berühmt zu werden. Buchverlage suchen sogar händeringend nach dem nächsten Jungstar, den sie auf dem übersatten Markt der Neuerscheinungen platzieren können. Nur: Wo findet man die telegene18 und talkfreudige Autorin, aus deren Werkstatt möglichst gleich mehrere Bucherfolge hintereinander zu erwarten sind

wo den nächsten frischen Autor, dessen Erzählkunst reife Könnerschaft und jugendliches Talent in sich vereint? Bei den Preisverleihungen der Literaturwettbewerbe, auf den Kandidatenschaus einschlägiger Leseveranstaltungen umtänzeln die Agenten und Lektoren die Bühne, um sich ihren Anteil an der boomenden Schreibszene zu sichern. Den meisten Autoren jedoch gelingt der Schritt aus dem Arbeitszimmer auf eine öffentliche Bühne nicht. Über Untergang oder Karriere ihrer Texte entscheiden oft schon im Vorfeld die professionellen Leser - die Lektoren.

Die Schleuse des Lektorats ist enger als ein Nadelöhr.

Die gängigste Methode, sich als den nächsten Bestsellerautor zu empfehlen, besteht darin, sein Manuskript auf gut Glück an einen Verlag zu schicken, auf dass ein Lektor das Talent darin entdecke. Damit reiht der Autor seinen Text ein in die ungeheure Masse der ,unverlangt eingesandten Manuskripte'. Die letztjährige Preisfrage der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt lautete, provokant verkürzt: Schreiben nur noch die Schriftsteller? Ich weiß nicht, welche Abhandlung zu der Frage den ersten Preis erhalten hat. Aber ich kenne die richtige Antwort. Die Deutschen mögen vielleicht nicht lesen. Aber sie schreiben. Fast alle. Und sie wollen das, was sie schreiben, auch gedruckt sehen. Doch die Schleuse des Lektorats ist enger als ein Nadelöhr.

Nach einem Jahr der Sichtung im Eingangslektorat eines größeren literarischen Buchverlags kennt man nicht nur alle Schrifttypen, Grußformeln und Papierqualitäten, sondern auch und vor allem: die Schubladen Deutschlands in ihren privatesten Winkeln. Es gibt keine Themen, keine Stil- und keine Gattungsvarianten, die unter den täglichen Manuskriptangeboten nicht vertreten wären. Weil eine derartige Vielfalt nicht nur alles Skurrile und Abseitige, sondern auch wiederkehrende Motive und serielle Konfliktverarbeitungsmuster, Nachahmer und Wiedergänger kennt, ist man versucht, Typologien zu erstellen. Und zwar Typologien, die sich jenseits literaturwissenschaftlicher Zuordnungsgewohnheiten an ganz neuen Parametern orientieren. Etwa am Geruch. Oder an den Blümchenmustern auf den Begleitschreiben zu den Manuskripten. Ganz bestimmt aber an den Formen19 der Selbstdarstellung, die in jedem Fall einen Vorgeschmack geben auf das, was im Anhang zu erwarten steht. Im Original klingt das so: Es ist eine hochsensible, prätentiöse Erzählung ... Gleichzeitig aber ist es ein gewaltiges Epos über Freundschaft und Liebe, Schönheit, Sehnsucht, Naturverbundenheit und so weiter.